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Interview : „Diese Darstellung ist krass überzogen“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mit Professor Clemens Fuest, Präsident des Münchner Ifo-Instituts, sprach Tobias Schmidt.

Die Sozialverbände haben einen alarmierenden Armutsbericht vorgelegt. Fast 16 von 100 Deutschen sind angeblich von Armut bedroht. Wird das reiche Deutschland zum Staat der Abhängten und Verlierer?vFuest: Diese Darstellung ist krass überzogen. Deutschland gehört unter den reichen Industrieländern zur Gruppe derjenigen, die am stärksten umverteilen. Die Frage ist: Erreicht es die Richtigen? Übrigens rutscht niemand in Deutschland unter das Existenzminium, es sei denn, er nimmt die Leistungen des Sozialstaates nicht an. Ein Paar mit einem Kind kann über 1700 Euro netto verfügen, und gilt dann als armutsgefährdet. 2005 lag die Quote der Armutsgefährdung bei 14,7 Prozent, heute sind es 15,7 Prozent. Es wäre besser, wir hätten einen Rückgang, statt dieses kleinen Anstiegs, aber eine Dramatisierung ist unangebracht. 2005 waren acht Millionen Menschen in der Mindestsicherung. Heute sind es sieben Millionen, also eine Million weniger. Darüber redet niemand. Unter verzerrter Darstellung der Fakten wird eine alarmistische Stimmung geschürt.

Der Bericht liefert also keine Wahlkampfmunition für Martin Schulz, der eine soziale Schieflage in Deutschland beklagt und die Agenda 2010 entschärfen will?
Im Gegenteil: Der Armutsbericht zeigt, dass Arbeitslosigkeit das größte Armutsrisiko ist. Die Agenda 2010 hat dazu beigetragen, dass sich die Arbeitslosigkeit in Deutschland halbiert hat. Ich kann deswegen nicht erkennen, wie man sagen kann, die Agenda sei für Armut in Deutschland verantwortlich. Das ist eine irreführende Argumentation. Und die Einkommenskluft in Deutschland hat zwar bis 2005 zugenommen, seitdem aber nicht mehr, sie geht sogar teilweise zurück.

 

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