Joachim Gauck : Die Zwei-Jahres-Bilanz

Der Bundespräsident zwischen Bürgernähe und Weltpolitik

svz.de von
18. März 2014, 07:53 Uhr

Er wird kurz innehalten, zurückschauen und sich vielleicht auch prüfen. „Was für ein schöner Sonntag!“, hatte er damals nach seiner Wahl gesagt und an den Tag der ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 erinnert. Zwei Jahre später kann Joachim Gauck zufrieden sein mit sich und seiner bisherigen Amtsführung. Und auch das Urteil der Bürger ist deutlich. Glaubt man den Umfragen, ist die Mehrheit der Deutschen mit dem Staatsoberhaupt zufrieden oder gar sehr zufrieden. Zwei Jahre nach seiner Wahl hat Joachim Gauck seinen gescheiterten Vorgänger Christian Wulff vergessen gemacht und das höchste Staatsamt wieder in ruhigere Bahnen geführt. Der 74-jährige frühere DDR-Pfarrer und Bürgerrechtler ist beliebter als die Kanzlerin.

Wortgewaltig, frei und unbequem startete Gauck in der Rolle des „Bürgerpräsidenten“ ins neue Amt. Zuhören, debattieren, motivieren, lautet seine Devise. Nach anfänglicher Zurückhaltung, die teils kritisiert wird, findet Gauck seine Rolle.

Nicht nur einmal zeigt er sich unbequem und eckt an: So zum Beispiel, als er Merkels Formulierung von der Sicherheit Israels als Teil deutscher Staatsraison hinterfragt hatte, und auf Distanz zur Kanzlerin ging. Weder versucht er, sich bei Merkel & Co. anzudienen, noch redet er denen nach dem Mund, die ihn auf den Schild für das Präsidentenamt gehoben hatten. Als er die Äußerung seines Vorgängers Wulff relativierte, der gesagt hatte, dass auch der Islam zu Deutschland gehöre, muss er sich Kritik gefallen lassen. So auch, als er beim Antrittsbesuch bei der Bundeswehr den „Mut-Bürger“ in Uniform lobte und mit der Hand an der Fahne das Hohelied auf die Truppe anstimmte. Auch seine Warnung vor Planwirtschaft und einem Übermaß an Subventionen bei der Energiewende löste Argwohn und Verärgerung vor allem bei SPD und Grünen aus. Mit seiner vielbeachteten Rede zur deutschen Rolle und Verantwortung in der Welt auf der Münchener Sicherheitskonferenz setzte Gauck zuletzt ein Ausrufezeichen und stieß eine kontroverse Debatte an.

Bei seinen Staatsbesuchen wie in Polen, in Israel oder zuletzt in Griechenland zeigt er ein hohes Maß an Empathie, findet die richtigen Worte, erweist sich als würdiger Vertreter Deutschlands und erntet auch im Ausland viel Lob.

„Ich bin in einem Prozess, mich selbst zu definieren“, hatte Gauck bei Amtsantritt eingestanden. Auch wenn er sich gerade wegen seiner Vita als Botschafter der Freiheit sieht – das alles bestimmende Thema seiner Präsidentschaft scheint er noch nicht gefunden zu haben.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen