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14. Dezember 2017 | 03:45 Uhr

Die US-Truppen eroberten Schwerin kampflos

vom

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erstellt am 01.Mai.2010 | 04:02 Uhr

Schwerin | Am Abend des 1. Mai 1945 tönte vom Hamburger Rundfunk die Nachricht, dass der Führer des Großdeutschen Reiches, Adolf Hitler, mit der Waffe in der Hand für sein Volk und Vaterland gefallen sei. Eine Lüge, wie wir längst wissen. Großadmiral Karl Dönitz wurde über das Radio auch den Schwerinern als neues Staatsoberhaupt und Nachfolger von Hitler präsentiert. Für die meisten Schweriner aber war am wichtigsten, wer die Stadt in den nächsten Tagen und Stunden einnehmen würde, die Russen oder die Amerikaner. Selbst der strammste Parteigenosse hatte jetzt mitbekommen, dass es vorbei war, und man richtete sich auf eine Flucht gen Westen zu den Amerikanern und Engländern ein.

Sprengladungen unter den Brücken

Schwerin war durch Admiral Dönitz wie viele andere Städte kurz vor ihrer Einnahme zur Festung erklärt worden. Festungskommandant von Schwerin war ein alter Oberst und Ritterkreuzträger, der, wie er selbst einmal gesagt hatte, von Politik nicht viel verstehe: Albert Panzenhagen hatte noch mit dem Rang eines Majors bei Rommels Afrikafeldzügen mitgemacht. Sein Stellvertreter, Major Hans Reuter, verhandelte mit der SS, wie man Schwerin am wirkungsvollsten verteidigen konnte. Die Verteidigungsabschnitte wurden eingeteilt und die wenigen wichtigen Brücken der Stadt zur Sprengung vorbereitet. Dies sollte aber nur durchgeführt werden, wenn klar war, dass "der Russe" die Stadt einnehmen würde. Sprengladungen wurden an der Werderbrücke, an den zwei Eisenbahnbrücken, an der Ziegelseebrücke, an der Paulsdammbrücke, bei der Fähre und an der so genannten Pfaffenteichschleuse angebracht. Hier sollte nach einer Sprengung der Schleuse dann der Pfaffenteich leer laufen. Die beiden über den Aubach liegenden Brücken sollten durch Sprengung die Zufuhr von Neuwasser verhindern. Nach dem Leerlaufen des Pfaffenteichs würde durch ein schnelles Abfaulen der Pfähle, auf denen die Häuser rund um den Pfaffenteich stehen, dann die halbe Stadt in Richtung Pfaffenteich kippen. Die SS fand das "genial", nur Major Reuter meldete seine Bedenken wegen der Zivilbevölkerung und der vielen großen und kleinen Lazarette an.

Strom aus dem Osten riss nicht ab

Oberst Panzenhagen lauschte unterdessen gespannt in den Äther, aber genaue Informationen waren nicht einmal vom so genannten Feindsender zu bekommen. In den frühen Morgenstunden des 1. Mai verließ der Gauleiter von Mecklenburg, Friedrich Hildebrandt, mit einem Fahrzeug in Richtung Westen die Stadt. Wenig später wurde er verhaftet, Ende März 1947 von einem Militärgericht zum Tode verurteilt und später hingerichtet. Ihm wurde zur Last gelegt, die Ermordung von notgelandeten amerikanischen Piloten befohlen zu haben.

Schwerin bot in den Morgenstunden des 1. Mai ein chaotisches Bild. Flüchtlinge und Soldaten der Wehrmacht verstopften die Straßen. Hinzu kamen Tausende von Kriegsgefangenen, deren Wachpersonal ebenfalls schon das Weite gesucht hatten, in die Stadt hinein. Der Strom aus dem Osten riss nicht ab. Ein Gerücht ging um: "Die Amerikaner kommen."

Die Verteidiger Schwerins konnten nur noch mit Karabinern ausgerüstet werden. Ein Oberstabsarzt bot Oberst Panzenhagen die Männer seines Lazaretts in der Niklotschule - später Gerhard-Hauptmann-Schule - zur Endverteidigung an. Der Oberst war sichtlich erbost und warf den "Helden der letzten Stunde" eigenhändig mit der Bemerkung, dass Schwerin nur mit regulären Truppen und nicht mit Krüppeln verteidigt werde, aus seinem Büro.

SS gab Schüsse am Pfaffenteich ab

Der dritte maßgebliche "Verteidiger der Stadt" war neben Oberst Panzenhagen und Major Reuter der Feldwebel Rudolf Neubeck. Diese drei Männer hatten es maßgeblich in der Hand, welches Schicksal Schwerin nehmen würde. Ein Unteroffizier stürmte ohne den sonst üblichen Gruß in die Kommandantur und meldete, dass alles zur Sprengung bereit wäre und die so genannte Balten-SS schon früher damit anfangen wolle. Panzenhagen gab den Befehl zum Abwarten. Am Abend des 1. Mai fielen Schüsse. Der Oberst befahl Feldwebel Neubeck die Sache zu klären. Es sollte sich als harmlos herausstellen. Am Pfaffenteich feierten einige SS-Leute den 1. Mai auf ihre Weise.

Der 2. Mai begann mit strahlendem Sonnenschein. In den Ämtern und Behörden rauchten die Schornsteine. Belastende Papiere wurden verbrannt. Wo die Öfen es nicht mehr schafften, wurde auf den Höfen und Straßen Feuer angezündet.

Post vom Generalkommando lief immer noch in der Schweriner Kommandantur ein. Darunter ein Befehl, der allen Dienststellen erlaubte, nicht mehr benötigte Soldaten zu entlassen, jedoch mit dem Vermerk: "bis zur weiteren besonderen Verwendung". Die meisten Schweriner Truppenteile setzten sich gen Westen ab, nur die SS blieb auf einem aussichtslosen Posten. Gegen 9 Uhr trat der Stab des 32. Armeekorps in Erscheinung. Der Adjutant, ein junger forscher Oberleutnant, erklärte Oberst Panzenhagen, dass bis zum "Endsieg" gekämpft werden müsse, egal gegen wen. Er zeigte ein Schreiben vor, welches ihm den Oberbefehl über alle noch in Schwerin verbliebenen Truppen und Verbände gäbe.

Schnell versuchte der Oberleutnant, Soldaten in der Stadt zusammenzutrommeln und eine Verfügungstruppe zusammenzustellen. Manch einer war eben entlassen worden und befand sich nun schon wieder bei der kämpfenden Truppe. Schnell wurden ein Offizier und ein Feldwebel herausgegriffen. Sie bekamen einen Schreibtisch, einen Stuhl, Papier und Bleistift sowie einen guten Platz im Hof. Sie mussten nun alle anbefohlenen Soldaten für den Endkampf aufschreiben und registrieren. Es wurden Hunderte aufgeschrieben, doch merkwürdigerweise wurde der Hof nicht voller. Die meisten Soldaten ließen sich am Hofeingang registrieren und verließen den Hof dann durch die Hintertür. Feldwebel Neubeck meldete seinem Oberst die Blamage des "ach so forschen Oberleutnants" - und man lachte nach langer Zeit mal wieder.

Amerikanische Truppen überquerten die Elbe

Oberst Panzenhagen, Major Reuter und Feldwebel Neubeck waren nun in der Kommandantur allein. Aus der Ferne hörte man das Grollen einzelner Geschütze. Gegen 10.30 Uhr drang die Nachricht durch, die Amerikaner hätten die Elbe bei Lauenburg überschritten und marschierten nach Norden. Der Oberst schickte Neubeck zum Bahnhof, um dort Erkundigungen einzuziehen. Dort angekommen, telefonierte einer der Schaffner mit den Bahnhöfen in Zachun und Holthusen. Und richtig, in Zachun waren die Amerikaner schon durch. Dann die Nachricht, dass sie in Holthusen bereits zu sehen waren. Gute Nachrichten, sagte sich Neubeck.

Auf dem Bahnhofsvorplatz hatten sich in der Zwischenzeit grausige Szenen abgespielt. SS-Männer hatten dort die Lehrerin Marianne Grunthal erhängt. Sie hatten ihr ein Pappschild umgehängt mit der Aufschrift: "Eine deutsche Frau die sagt: Gott sei Dank, dass der Führer tot ist". Hunderte von Soldaten, Flüchtlingen und Schweriner hatten bei diesem feigen Mord zugesehen.

Als Feldwebel Neubeck wieder zurück vom Bahnhof bei Oberst Panzenhagen eintraf und den Vorfall schilderte, fluchte der Oberst nur kurz über die SS. Seiner Meinung nach bildete der "stets besoffene und unkontrollierbare Haufen" eine Gefahr bei einer Übergabe der Stadt an die Amerikaner. Denn so viel schien festzustehen: Der Ami würde als Erster kommen.

Jetzt galt für Oberst Panzenhagen der Befehl von Großadmiral Dönitz, den Kampf gegen die Westtruppen sofort einzustellen und die Stadt Schwerin kampflos zu übergeben. Major Reuter und Feldwebel Neubeck wurden mit einem schriftlichen Befehl ausgestattet, sämtliches Sprengmaterial unter den Brücken unscharf zu machen.

Kein Widerstand der SS. Sie war überall verschwunden. Einige wenige traf man am Spieltordamm an. Die ganze Truppe hatte sich aber schon in Zivil gekleidet und warf ihre Uniformen in den Pfaffenteich. Mit einem Lkw machten sich die Männer dann in Richtung Westen auf. Sie waren aber nicht die einzigen. Kreisleiter Röpcke hatte inzwischen seine Feldbluse mit der Zivilkluft getauscht und war ebenfalls mit seinem Fahrzeug in Richtung Westen entschwunden.

Überall wehten weiße Bettlaken

Unweit von Schwerin hatte der Oberbefehlshaber der 21. Armee in Mecklenburg, General Kurt von Tippelskirch, durch geschickte Verhandlungen mit den Engländern seine Armee im Raum Ludwigslust in britische Gefangenschaft übergeben. Die Truppen des sowjetischen Marschalls Rokossowski hatten inzwischen die Stör erreicht und trafen dort auf die Amerikaner.

Gegen Mittag gab Oberst Panzenhagen Major Reuter und Feldwebel Neubeck seinen letzten Befehl, die Stadt an die Amerikaner zu übergeben. Sie erhielten den Auftrag, mit einem Kübelwagen und einem weißen Wehrmachtshandtuch den Amerikanern entgegenzufahren und die Modalitäten einer kampflosen Übergabe auszuhandeln. Mit Höchstgeschwindigkeit fuhren die beiden zum Bismarckplatz (heute Platz der Jugend) und weiter in die Dietrich-Eckart-Straße (heute Johannes-Stelling-Straße). Weithin sichtbar hielt Feldwebel Neubeck die Parlamentärsflagge - ein Handtuch - den zu erwartenden Amerikanern entgegen. Am Kreuzkanal im Schlossgarten tauchten die ersten amerikanischen Soldaten auf. Die 8. US-Infanteriedivision marschierte von Süden in die Stadt ein. Überall wurden die weißen Bettlaken gehisst. Die deutschen Soldaten kamen mit erhobenen Händen aus den Kasernen und ergaben sich den Amerikanern. Fast alle wurden in ein schnell eingerichtetes Gefangenenlager am Püsserkrug gebracht.

Der Wagen des Oberst mit den beiden Parlamentären durchfuhr die ersten Sperren der amerikanischen Armee. Endlich wurden sie von den Amerikanern angehalten. Major Reuter prustete den Satz heraus: "We will give the town". Die amerikanischen Soldaten lachten. Es gab keine Diskussion, keine Übergabe. Der Major und sein Feldwebel kamen in das Gefangenenlager am Püsserkrug.

Gegen 13 waren die ersten amerikanischen Panzer auf dem Marienplatz (damals noch Adolf-Hitler-Platz) angekommen und in legerer Haltung schlenderten sie, die Waffen aber immer im Anschlag behaltend, durch die Straßen. Der Krieg war einfach aus. Schwerin stand per 2. Mai 1945 unter amerikanischer Besatzung.

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