Die Telefonzelle ist noch nicht tot

Deutschlandweit sind rund 100 000 Telefonzellen in Betrieb. (Bild: dpa)
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Deutschlandweit sind rund 100 000 Telefonzellen in Betrieb. (Bild: dpa)

Ob in magentarot, postgelb oder umfunktioniert zur Mini-Bibliothek - in deutschen Großstädten stehen noch viele öffentliche Telefone. Auch in Zeiten von Handys und Internetcafes sind die Apparate nicht totzukriegen.

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16. April 2009, 07:49 Uhr

Berlin (dpa) - Die Telefonhäuschen-Gegenwart steht am Stuttgarter Platz in Berlin. Sie ist magentarot und aus Stahl, hat vier Wände und eine Tür. Abgestandene Luft drängt einem entgegen, wenn man die Tür öffnet.

Es riecht nach Urin, Schalen von Pistazien und Zigarettenstummel liegen am Boden. Einer, der aufgegeben hat hier Nummern zu wählen, hat seine Telefonkarte auf dem Apparat liegen gelassen. Darauf steht: «Guthaben ist noch drauf.»

Noch 100 000 Apparate in Betrieb

Die Telefonzelle ist ein Relikt aus der Kommunikationsgeschichte, das in Zeiten von Mobiltelefonen und Internetcafés immer weniger beachtet wird. Dennoch, in ganz Deutschland sind nach Angaben der Telekom noch 100 000 Apparate in Betrieb, 17 000 davon in Ostdeutschland. Die Zahl hat sich in den vergangenen Jahren kaum verändert, sagt Telekom-Sprecher Jürgen Will.

Selbst wo die öffentlichen Telefone unrentabel seien, werden lediglich die mit etwa 7500 Euro kostenintensiveren Häuschen gegen einfache Telefone an einer Säule für rund 500 Euro ausgetauscht. Um eine flächendeckende Versorgung mit öffentlicher Telefonie zu gewährleisten, würden nur wenige Apparate ganz verschwinden, sagt Will. In großen Städten wie Leipzig, Dresden und Berlin gibt es noch eine stattliche Anzahl. Wozu sind die noch gut?

Telefonzelle als Mini-Bibliothek

Die Telefonhäuschen-Vergangenheit steht an der Leonhardtstraße in Charlottenberg. Die Zelle aus dem Jahr 1978 ist postgelb, hat ein Telefon für Münzen und eine Tür, die so schwer ist, dass man sie aufstemmen muss. Marc Ihlow steht in der Telefonzelle, die älter ist als er. Der 23-Jährige spricht schnell in den Hörer: «Bist du da. Ja? Ich komm vorbei?» Dann legt er auf. Keine 20 Sekunden hat sein Gespräch gedauert, einen 20-Cent-Groschen hat es ihn gekostet. «Ich habe ein Handy mit Pre-Paid-Karte und wie das so ist, oft kein Geld drauf», sagt der Zellen-Vieltelefonierer. «Dann gehe ich halt ins Häuschen.»

300 Millionen Telefongespräche wurden im Jahr 2007 an öffentlichen Apparaten geführt. Das ist die aktuellste Zahl, die die Zellen-Betreiberin Telekom veröffentlicht hat. Im Jahr zuvor hatte sie noch bekannt gegeben, dass rund 35 000 von 100 000 Zellen in Deutschland unrentabel seien. Ihr Umsatz lag bei unter 125 Euro im Monat. Gerade in ländlichen Gegenden ist die Zahl der Zellen gering. Während 2009 allein in Berlin 4800 Zellen stehen - teils zwei und mehr an einem Standort - sind es in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zusammen 12 800. In dem 1900-Einwohner-Dorf Jacobsdorf im Landkreis Oder-Spree gibt es etwa nur einen Apparat und den ohne Haus und Dach. In Magdeburg wurde eine Telefonzelle sogar schon zur öffentlichen Mini-Bibliothek umfunktioniert.

Anders in Berlin. Nur ein paar Meter neben dem Stuttgarter Platz, zwischen der Wilmersdorfer und Lewisham Straße stehen gleich vier Zellen gesellig nebeneinander. Zwei in Rot, zwei in Gelb, zwei für Münzen, zwei für Karten. Daneben betreibt Gamze Özcan eine Saftbar. Im Radio dudelt Reggae-Musik, die Wände sind in einem heiteren Orange gestrichen. Das frische Gelb der Zellen vor der Tür passt zum Laden und den rot-grünen Fruchtcocktails. «Es ist ein Elend, das wir sehen», sagt Saftbar-Besitzerin Gamze Özcan. Sie dreht die fröhliche Musik ab. «Benutzt werden die Zellen nur von Junkies zum Spritzen oder von Männern, die keine Toilette finden. Und das alles genau vor meinem Laden.»

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