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13. Dezember 2017 | 12:28 Uhr

Die Suche nach der wahren DDR

vom

svz.de von
erstellt am 30.Aug.2013 | 05:57 Uhr

Die preisgekrönte DDR-Saga "Weissensee" kehrt auf den Bildschirm zurück. Nach drei Jahren Pause beginnt am Dienstag, 17. September, 20.15 Uhr, im Ersten, nun endlich Staffel zwei. Sie wagt einen Zeitsprung von Anfang der 80er hinein in die Vorwendezeit des Jahres 1987. Auch Schauspielerin Katrin Sass, deren Biografie von jener Wendezeit fast schon dramatisch geprägt wurde, ist wieder dabei als Liedermacherin Dunja Hausmann - ein Star zwischen Regimekritik und erzwungenem Lobgesang auf den sozialistischen Staat. Eric Leimann sprach mit der 56-jährigen Schauspielerin über DDR, Wende, Karriereknick und Neuanfang.

Die zweite "Weissensee"-Staffel beginnt mit einem Zeitsprung. Von Anfang der 80er geht es ins Jahr 1987. Herrschte da eine ganz andere Atmosphäre in der DDR?

Sass: Ja, auf jeden Fall. 1987 brannte bereits die Luft. Schon Mitte der 80er bildeten sich die ersten halboffiziellen Protestbewegungen wie die Umweltbibliothek. Natürlich hat 1987 noch keiner an einen Mauerfall gedacht, aber es war zumindest Hoffnung auf Veränderung da.

Wann haben Sie persönlich gespürt, dass sich tatsächlich etwas verändern wird?

Sicher war ich mir, als die Botschaft in Ungarn von Flüchtlingen besetzt wurde. Gespürt habe ich es ab dem Zeitpunkt, als ich 1989 ans Theater in Leipzig kam. An der Nikolaikirche - das war schon etwas Besonderes. Es war die spannendste, tollste und wichtigste Zeit in diesem Land.

Erinnern Sie das DDR-Gefühl vor dieser Zeit als eher bleiern?

Anfang der 80er habe ich, ehrlich gesagt, nicht viel über Politik nachgedacht. Ich kam 1982 mit dem Film "Bürgschaft für ein Jahr" zum ersten Mal in den Westen, weil ich zur Berlinale eingeladen war. Mit meinen 24 Jahren interessierte ich mich damals nur für meinen Beruf. Trotzdem wurde ich im Westen sofort krank, weil ich das damals alles gar nicht verkraftet habe. Als ich dann noch den Silbernen Bären gewann, wollten mich die Genossen sofort nach Hause holen, damit ich die Feier nicht mitbekomme - angeblich gab es wichtige Proben in Halle. Als dann alle vom Team des Films protestierten und damit drohten, ebenfalls abzureisen, ließen sie mich doch da. Damals war die Angst vor dem Westen und dessen Einfluss noch sehr viel ausgeprägter als in den späten Jahren der DDR.

1987 wurden Sie in der DDR zur "Schauspielerin des Jahres" gekürt, Sie waren ein großer Star. Hatten Sie während der Wende Ängste in Bezug auf Ihre berufliche Zukunft?

Nein, ich war damals ziemlich naiv. Ich sagte mir: 1982 hast du den Silbernen Bären gewonnen, also wird man dich im Westen kennen. Und weil das im Kapitalismus mit seinem freien Markt eben so ist, drehe ich bald auch in Italien und meinem Lieblingsfilmland Frankreich (lacht). So dachte ich mir das, und dann passierte erst einmal lange ... nichts.

Waren viele DDR-Schauspieler erst einmal abgeschrieben?

Ich kann zumindest sagen, dass mich im Westen kein Mensch kannte. Es war grauenvoll. Dass ich wieder arbeiten durfte, habe ich Matti Geschonneck zu verdanken. Der kam aus dem Osten, war in den Westen gegangen und hat sich an mich erinnert. Von ihm bekam ich meine ersten zwei, drei Drehtage im Westen. Eigentlich empfand ich das als erniedrigend, denn es war eine sehr kleine Rolle. In seinem nächsten "Tatort" spielte ich dann eine größere Rolle, das fühlte sich schon besser an. Ab 1993 war ich dann "Polizeiruf"-Kommissarin und hatte zu tun. Dennoch war es nicht genügend, weil nur ein Film im Jahr gedreht wurde. Beruflich war das keine einfache Zeit.

Würden Sie sagen, dass sich die he-rausragenden DDR-Schauspieler auf Dauer dennoch im wiedervereinigten Deutschland durchgesetzt haben?

Nein, ganz sicher nicht. Für viele bedeutete der Systemwechsel auch das endgültige Karriereaus. Eine Frau wie Jutta Wachowiak, damals ein großer Star am Deutschen Theater, hatte danach gar keine Chance mehr. Die ist zehn, zwölf Jahre älter als ich. Und sie ist nur ein Beispiel. Viele andere große Schauspieler vom Deutschen Theater haben ebenfalls keine Chance mehr bekommen - von jenen aus der Provinz ganz zu schweigen. Für die etablierten DDR-Schauspieler der Wendezeit lief es insgesamt alles andere als gut.

Viele DDR-Filme sind seit der Wende gedreht worden. Kann man die DDR in ihrer Atmosphäre überhaupt filmisch abbilden?

Ich halte es für unmöglich. Die DDR richtig fühlen kann man nur, wenn man dort gelebt hat. Natürlich hilft es, wenn Maskenbildner und Ausstatter wie in "Weissensee" einen tollen Job machen. Es hilft auch, wenn man Schauspieler besetzt, die sich noch an die DDR erinnern können. Aber für jemanden, der selbst nicht Teil dieses Lebens war, ist das Gefühl nicht nachvollziehbar. Ich bin froh, dass ich diese Erfahrung machen durfte - auch wenn 30 Jahre vielleicht ein bisschen zu lang waren.

Gibt es Aspekte aus dem Leben in der DDR, die Sie in den vielen bisherigen Filmen vermisst haben?

Ja, ein bisschen das Leben ohne Stasi. Natürlich gibt es heute keinen DDR-Film mehr, der das Privatleben der Figuren abseits der Politik ausklammert. Aber ich wünsche mir auch mal eine reine Alltagsbeschreibung. Wenn ich zurückdenke an die Zeit, wenn am Theater Ferien waren - da hatten wir auf einmal nichts zu tun und ganz viel Zeit. Da wollte man zu sechst im Trabi an die Ostsee fahren oder man versuchte, nach Ungarn zu trampen. Das sind schöne, alltägliche Erinnerungen, die mit Stasi oder Bedrohung nichts zu tun haben. Kaum ein Film hat bisher dieses Lebensgefühl DDR zu ergründen versucht: Wie war das eigentlich mit dieser lustvollen Tauschwirtschaft, dieser viel beschworenen Hilfsbereitschaft? Wir hatten auch ganz viel Spaß in der DDR. Sicher haben wir damals viel getrunken - aus Freude und aus Frust. Das wirkliche Leben in der DDR war in weiten Teilen tatsächlich urkomisch. Darüber würde ich mir mal einen Film wünschen.

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