Bundesanleihen : Die Sparer gucken wieder in die Röhre

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Wer Bundesanleihen aufnimmt, muss erstmals sogar Geld dafür zahlen – die Ursache liegt in Großbritannien

svz.de von
15. Juni 2016, 05:00 Uhr

Wachsende Angst vor einem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union führt in Deutschland zu einer historisch einmaligen Situation: Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik ist gestern die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen in den negativen Bereich gerutscht. Bis auf minus 0,03 Prozent ging es bergab. Dies zeigt an, dass der Staat langfristig Schulden aufnehmen und dafür Geld kassieren kann, statt Zinsen zu zahlen. Für die Steuerzahler ist das gut, die Sparer dagegen gucken in die Röhre. Hintergründe vonTobias Schmidt:

Was bedeutet es, wenn die Rendite auf Staatspapiere negativ

ist?

Wenn der deutsche Staat Schulden macht, nimmt er – anders als Privatpersonen – in aller Regel keine Bankkredite auf. Stattdessen verkauft er an seine Gläubiger sogenannte Staatsanleihen. Deren Rendite ist vereinfacht gesagt das, was bei einem Kredit der Zins ist. Eine Rendite unter null bedeutet also, dass sich der Staat Geld leihen kann, ohne dafür Zinsen zahlen zu müssen. Im Gegenteil: Er bekommt von den Gläubigern dafür sogar noch eine Art Gebühr bezahlt.

Warum ist gerade die zehnjährige Rendite so wichtig?

Schon seit Anfang des Monats sind die Renditen von Bundesanleihen mit bis zu neunjähriger Laufzeit negativ.

Dass nun aber auch künftige Verkäufe zehnjähriger Papiere dem Staat Geld einbringen könnten, ist ein Meilenstein. Denn in dieser Laufzeit hat der Staat mit weitem Abstand den größten Anteil am gesamten Schuldenberg aufgenommen – mit 44 Prozent fast die Hälfte. Auf Platz zwei folgen die fünfjährigen Papiere mit einem Anteil von rund 20 Prozent.

Warum fällt die Rendite gerade jetzt unter Null?

Das liegt vor allem an der Angst vor einem Brexit. Der Termin des Referendums am 23. Juni rückt immer näher. „Zur jetzigen Bewegung massiv beigetragen haben die sich verstärkten Unsicherheiten um einen möglichen Brexit, die die Investoren in den sicheren Hafen der Bundesanleihen treibt“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. Die Anleger flüchten also wegen der momentan großen Unsicherheit in sichere Papiere und nehmen dafür niedrigere Zinsen in Kauf. Als sichere Häfen gelten an den Finanzmärkten vor allem stabile Staaten. Deutschland steht dabei auf der Favoritenliste weit vorne.

Was drückt neben der Brexit-Angst noch auf die Renditen?

Allgemein stehen die Renditen der Staatspapiere aber auch schon seit Monaten stark unter Druck. Das liegt unter anderem an der extrem lockeren Geldpolitik führender Notenbanken. Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, hat jüngst die Anleger auf eine weiterhin lange Phase extrem niedriger Zinsen eingestimmt.

Wer profitiert von negativen Renditen und wem schaden sie?

Für Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sind negative Renditen eine gute Nachricht, denn mit neu aufgenommenen Schulden verdient der Fiskus Geld.

Schlecht sind die Negativrenditen dagegen für die Sparer. Zinsen bekommen sie auf ihr Erspartes ohnehin schon lange kaum noch. Jetzt könnte auch noch der Druck auf Banken steigen, Negativzinsen an ihre Kunden weiterzugeben.

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