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16. Dezember 2017 | 11:58 Uhr

"Die schwarze Witwe"

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erstellt am 23.Sep.2013 | 07:09 Uhr

Nein, eilig hat sie es nicht. "Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit", bremst Angela Merkel. Eine Regierung müsse auf einer stabilen Grundlage gebildet werden. Die Kanzlerin wartet ab, wie sich SPD und Grüne neu aufstellen und entscheiden. Termine? Fahrplan? Fehlanzeige. Schließlich bleiben sie und ihre Regierung bis auf weiteres geschäftsführend im Amt. Jeder müsse an solch einem Tag erst einmal sehen, wo er stehe, rät Merkel zur Ruhe und Gelassenheit. Fürs Erste nur so viel: "Wir sind offen für Gespräche."

Die Spitzen von CDU und CSU bereiten sich unterdessen auf langwierige Sondierungen und Koalitionsverhandlungen vor. Eitel Sonnenschein gestern in den Sitzungen der Parteigremien im Konrad-Adenauer-Haus. Nicht einmal der Verlust des bisherigen Regierungspartners FDP kann die Freude trüben. Pflichtschuldiges Bedauern und schon wird der Blick wieder nach vorn gerichtet. Weder mit der SPD noch mit den Grünen werde es eine schnelle Einigung geben, heißt es in den Parteizentralen. Der Poker um die Macht, das Feilschen um Preise, Programm und Personal hat begonnen. Merkel kennt die politischen Farben- und Machtspiele, schließlich steht sie vor ihrer dritten Regierungsbildung. Kurze Zeit hatte es sogar nach einer absoluten Mehrheit ausgesehen, doch Merkel wollte davon nichts wissen. In der Unionsspitze setzt man eher auf eine Große Koalition. "Es ist ja nicht das erste Mal, dass wir in eine Große Koalition gehen", scheint Unionsfraktionschef Volker Kauder die Verhandlungen bereits vorwegnehmen zu wollen und erinnert an das Bündnis mit der SPD nach der Bundestagswahl 2005.

Große Koalition oder Schwarz-Grün, mit wem will sie künftig regieren, welche Machtoption wählen? Angela Merkel lässt die Frage bei ihrer Pressekonferenz in der Parteizentrale offen. Zwar scheint die Mehrheit der Spitzen von CDU und CSU eine starke Präferenz für ein Bündnis mit der SPD zu haben, doch gibt es auch Stimmen, die für Schwarz-Grün werben. Breite Mehrheit für die wichtigen Herausforderungen der Euro-Krise und der Energiewende oder knappe Mehrheit zur Disziplinierung? Merkel und ihre Vertrauten halten sich bedeckt. Am Tag danach genießt die CDU-Chefin immer noch ihren Triumph.

Wieder Jubel und Beifall im Konrad-Adenauer-Haus - die Angela-Merkel-Festspiele gehen auch am Morgen nach dem historischen Wahlerfolg weiter. Küsschen, Umarmungen und Schulterklopfen - das beste Wahlergebnis der Union seit der Deutschen Einheit - es ist vor allem ihr Erfolg und Merkel genießt ihn. Woran sie morgens beim Aufwachen nach diesem historischen Wahlabend gedacht habe, wie sie sich nach diesem Triumph fühle, fragt ein niederländischer Korrespondent nach ihrem Innenleben. "Was mein Wohlbefinden angeht, so ist es sehr sehr gut. Ich bin auch wohl aufgewacht", sagt Merkel nach einer kurzen Nacht.

Doch Merkel bremst, dämpft die Euphorie, will "verantwortungsvoll" mit dem "wunderbaren Ergebnis" umgehen. Nur nicht abheben, auf dem Boden bleiben, signalisiert sie mit jedem Satz und jeder Geste. "Stabile Verhältnisse" und "Verantwortung", wiederholt sie gebetsmühlenartig. Daran müssten auch die anderen Parteien ein Interesse haben. Kleine Schritte auch bei der Regierungsbildung. Ein erstes Gespräch mit SPD-Chef Sigmar Gabriel habe sie bereits geführt. Doch will der zunächst den Parteikonvent der Sozialdemokraten am kommenden Freitag abwarten. In den Reihen der Genossen gibt es Bedenken gegen eine Neuauflage von Schwarz-Rot, schließlich hatte die SPD am Ende der vier Regierungsjahre ihr schlechtestes Ergebnis in der Geschichte erzielt. Merkel sei wie die "Schwarze Witwe", heißt es bei der SPD, eine weibliche Spinne, die nach der Paarung das kleinere Männchen frisst.

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