zur Navigation springen
Neue Artikel

19. November 2017 | 15:29 Uhr

Die qualvolle Ungewissheit

vom

svz.de von
erstellt am 23.Feb.2012 | 07:51 Uhr

Berlin | "Können Sie erahnen, wie es sich als Kind für mich angefühlt hat?" Semiya Simseks Frage klingt wie eine Anklage. Im Saal der Konzerthauses ist es mucksmäuschenstill. Die 25-jährige ist gekommen, um über ihren Vater zu reden, über das Leid ihrer Familie in den vergangenen elf Jahren.

Ihr Auftritt ganz am Ende der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Rechtsextremismus wird zum Plädoyer für Courage und Toleranz, aber auch zur Mahnung. "In unserem Land, in meinem Land, muss sich jeder frei entfalten können", sagt sie und appelliert: "Lasst uns nicht die Augen schließen und glauben, wir hätten dieses Ziel schon erreicht."

"Mein Vater wurde von Neonazis ermordet. Er war nur 38 Jahre alt", sagt Simsek, und in den ersten Reihen senkt manch ein Politiker betroffen den Blick. Am 11. September 2000 wurde Enver Simsek in Nürnberg an seinem mobilen Blumenstand von den Neonazis Böhnhardt und Mundlos erschossen. Acht Kugeln trafen ihn. Die Ärzte im Krankenhaus konnten ihn nicht mehr retten. Er war das erste Opfer der Zwickauer Neonazi-Zelle. Tochter Semiya Simsek war damals gerade erst 14 Jahre alt.

Elf lange, qualvolle Jahre durften wir nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein", klagt sie und erinnert daran, dass ihre trauernde Familie von den Ermittlern in die Nähe von Kriminellen und Drogenhändlern gerückt und fälschlicherweise selbst verdächtigt worden waren. Familientragödie oder organisierte Kriminalität - die Polizei spart bei ihren Ermittlungen nicht mit Klischees und quält Semiya und ihre Familie über elf Jahre hinweg mit den immer gleichen Fragen: Ob sie ihrem Onkel eine solche Tat zutraue, ob ihr Vater eine Waffe hatte.

Ihr Leben aber lässt sie sich dennoch nicht kaputt machen. Sie studiert, arbeitet als Erzieherin. Als sie schließlich erfährt, wer ihren Vater ermordet hat, ist das für sie keine Erleichterung. Die Bilder des zynischen Bekennervideos, in denen der rosarote Panther die Mörder der Zwickauer Neonazi-Zelle feiert, gehen ihr nicht aus dem Kopf. Doch in der Öffentlichkeit will Enver Simseks Tochter keine Tränen vergießen - das überlässt sie am Donnerstag einigen der Gäste im Konzerthaus.

Die junge Frau beschreibt ihre ganze Zerrissenheit. In Deutschland geboren und aufgewachsen, hier studiert und als Erzieherin in Frankfurt tätig, lassen sie der Mord an ihrem Vater, die Serie der Gewalt der Neonazis und die Folgen an ihrer Identität zweifeln. "Bin ich in Deutschland zuhause? Ja klar bin ich das", sagt sie. Fragen, die sie quälen würden.

Im Juni will sie in die Türkei, auch wenn ihre Heimat Deutschland ist, nach Isparta, in die Heimat ihres Vaters, wo ein Haus auf sie wartet, das Enver Simsek damals bereits zu bauen begonnen hatte.

Doch vielleicht ändert sie ihre Pläne noch einmal. "Soll ich gehen? Nein, das kann keine Lösung sein", sagt sie, spricht "von unserem Land" und es klingt, als wolle sie weiter kämpfen gegen rechten Terror und werben für Vielfalt und Toleranz. "Lasst uns verhindern, dass das auch anderen Familien passiert. Wir alle zusammen, gemeinsam, nur das kann die Lösung sein", lautet ihr Credo.

Viereinhalb Minuten nur, aber der Auftritt, wütend wie versöhnlich, tapfer und kämpferisch, Seite an Seite mit der Dortmunderin Gamze Kubasik, deren Vater ebenfalls von den Neonazis ermordet worden ist, beeindruckt nicht nur die Zuhörer im Saal. Die Menschen an den Fernsehschirmen sind tief bewegt. Jeder Satz, jede Geste macht deutlich wie unermesslich groß ihre Trauer war und bis heute ist.

Für die Deutschen war Enver Simsek das erste Opfer der Zwickauer Neonazis. Für Semiya Simsek war er ihr über alles geliebter Vater, der ihr in lauen Urlaubsnächten in der Türkei von seinem früheren Leben als Schafhirte erzählte. "Er wäre stolz auf mich", sagt die 25-Jährige Erzieherin - stolz, dass seine Tochter einem ganzen Land erklärt, wie es sich anfühlt, seinen Vater zu verlieren und nicht einmal richtig trauern zu dürfen.

"Hörst Du das? Die Glöckchen. Das sind die Schäfchen, die runter aus dem Tal kommen." Keine Gutenachtgeschichte ist das, sondern die Erinnerung an ein Gespräch mit dem Vater, ein Jahr bevor er ermordet wurde. Am Ende erheben sich alle. Applaus für Semiya Simsek und Gamze Kubasik, die die "Kerze der Hoffnung" von der Bühne herunter aus dem Saal tragen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen