zur Navigation springen
Neue Artikel

22. Oktober 2017 | 23:19 Uhr

Uckermark : Die neuen Heiden von Kummerow

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

In Biesenbrow leben die Helden aus Ehm Welks berühmtesten Roman wieder auf – Zur 725-Jahrfeier wird das Dorf zur Theaterbühne

„Gerade an der Hoftür hatte Martin das Pech, seiner Mutter in den Weg zu laufen“, dröhnt es aus einem Lautsprecher über den „Kleine Schäferei“ genannten Hof von Peter Kloss in Biesenbrow (Uckermark). Normalerweise betreut der Schäfer im Nebenerwerb hier Tiere und Feriengäste. Seit einigen Wochen wird ein Nebengebäude regelmäßig zum Wohnhaus von Martin Grambauer, jugendlicher Held aus Ehm Welks Roman „Die Heiden von Kummerow“.

Und der bekommt gerade richtig Ärger mit seiner Mutter: Passend zum Text aus dem Lautsprecher betritt ein Junge in Gummistiefeln mit einem verschnürten Bücher-Bündel den Hof und sieht sich unverhofft einer Frau gegenüber, die bedrohlich die Hände in die Hüften stemmt. „Ich wollte den Originaltext an den Ort bringen, wo der Roman entstand“, sagt Hans-Joachim Frank, Regisseurs des freien Theaters 89. Die meisten Biesenbrower würden die deutsch-deutsche Verfilmung von 1967 kennen, nicht aber das Buch, macht er deutlich. Nun aber führt gewissermaßen ein Erzähler per Tonaufnahme durch die Geschichte, während professionelle Schauspieler und Bewohner des Dorfes das Gehörte an Originalschauplätzen spielen - am Mühlgraben zum „Heidendöpen“, im Schulhaus oder auf der Wiese vor dem Gutshaus.

„Wir ziehen mit dem Publikum, begleitet von einer Band, durch den Ort und die Umgebung. Damit alle gut verstehen, haben wir den Text vorher aufgenommen“, erklärt der Regisseur. Ihm war wichtig, die malerische Landschaft einzubeziehen.

Projekte mit Laien an authentischen Orten sind das Aushängeschild des Theaters 89, das kurz vor der Wende in Berlin gegründet worden war und seit 2015 seinen Sitz im uckermärkischen Naugarten hat. In Frankfurt (Oder) inszenierte Frank beispielsweise mit 500 Darstellern inklusive mehreren Chören Kleists „Käthchen von Heilbronn“, auf einem Flugplatz nahe Neuhardenberg (Märkisch-Oderland) den „Kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint-Exupéry. Zum freien Ensemble des Theaters 89 gehören 20 Schauspieler und Musiker.

Die Biesenbrower musste Frank nicht lange zum Mitmachen überreden, wie Eckhard Kolle, Chef des ortsansässigen Landkulturvereins, sagt. „Wir spielen jedes Jahr zu Ostern die Völkerwanderung aus den Heiden von Kummerow nach, verstehen uns als Erben Ehm Welks.“

Nun, anlässlich der 725-Jahrfeier Biesenbrows, sollte es etwas mehr aus dem berühmten Roman sein, in dem der Schriftsteller (1884-1966) seinem Heimatdorf ein Denkmal setzt. „Das Geburtshaus, in dem Welk 1884 zur Welt kam, steht noch. Wir haben damit ein Alleinstellungsmerkmal, dass wir nutzen müssen“, sagt Kolle, der bereitwillig die Roman-Rolle des Pastors Breithaupt übernahm und nun das Pflügen mit Pferden auf dem „Pfarracker“ übt, für die Schlüsselszene aus Kapitel 7.

Die Vorbereitungen für das Open-Air-Spektakel laufen bereits seit zwei Jahren. Etwa 30 Dörfler, davon die Hälfte Kinder, wirken neben einer Handvoll Profi-Schauspieler mit. Durch das Einspielen des Original-Textes braucht keiner Angst vor einem Texthänger zu haben.

„Für die Arbeit mit Laien nach einem professionellen Konzept braucht es Zeit für ein genaues Kennenlernen und Vertrauen“, erklärt der Regisseur, der für das rund 25 000 Euro teure Projekt auch finanzielle Unterstützung fand - vom Land Brandenburg, dem Landkreis Uckermark und der Stadt Angermünde, zu der Biesenbrow als Ortsteil gehört und die ein eigenes Ehm-Welk-Museum hat. „Da sind wir gewissermaßen offene Türen eingerannt“, sagt Frank.

Das bestätigt die Sprecherin des Landkreises Uckermark, Ramona Fischer. „Diese anspruchsvolle künstlerische Idee wollten wir einfach unterstützen - mit 5000 Euro.“ Die ersten acht Kapitel der „Heiden von Kummerow“ sollen am 24. Juni zum Auftakt der Festwoche aufgeführt werden, weitere acht Kapitel im nächsten Jahr, die restlichen sechs dann 2019.

Spätestens 2018 wird auch Peter Kloss seinen großen Auftritt haben, als Schäfer Krischan, der im Roman der Liebling der jungen Kummerower ist und von den Erwachsenen aufgrund falscher Verdächtigungen aus dem Dorf vertrieben wird. „Ich freue mich, dass wir endlich mal etwas Abwechslung im Dorf haben. Und die Idee ist gut“, betont der gebürtige Berliner, der die Kleine Schäferei seit 1997 führt. Bei den Proben ist er hautnah dabei, um schon einmal zu beobachten, was ab dem nächsten Jahr auf ihn zukommen könnte. „Es ist schon toll, was Ehm Welk da geschrieben hat. Wenn man hier lebt, ist man einfach damit verbunden“, meint Peter Kloss.

 

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert