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LinieN 927 und 901 Verkürzt : Die letzten Fahrten nach Potsdam

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Von der Prignitz bis in die Landeshauptstadt – die wahrscheinlich längsten Buslinien Brandenburgs werden eingestellt.

svz.de von
erstellt am 01.Mai.2014 | 08:00 Uhr

Kurz vor Sonnenaufgang ist es einsam an der Bushaltestelle. Dabei wird sich gleich eine Gelegenheit bieten, die nur einmal am Tag kommt: Linie 924 fährt von Wittenberge bis Perleberg, wird dort zur Linie 927 und fährt weiter bis Potsdam. Das ist die vielleicht längste Busstrecke Brandenburgs. Doch niemand wartet.

Dienstagmorgen, 5.10 Uhr: Ein weißer Bus biegt um die Ecke. Abfahrt vom Zentralen Omnibusbahnhof. Ticketkauf beim grauhaarigen Fahrer: „Wohin?“ – „Bis Potsdam“ – „Also bis zum Bahnhof und von dort mit dem Zug weiter?“ – „Nein, im Bus. Das geht doch, oder?“ – „Ja, aber mit Umwegen.“

Drei Stunden dauert eine Fahrt, wenn alles nach Plan läuft. Fahrpreis: 17,90 Euro. Die Regionalbahn schafft die Strecke in unter zwei Stunden, die Fahrkarte kostet 2,60 Euro weniger. Wer nutzt da überhaupt noch den Bus? Jedenfalls nicht genug Menschen, hat die Verkehrsgesellschaft Prignitz beschlossen – und die Fahrten in die Landeshauptstadt gestrichen. Ab August wird die Reise nur noch bis Kyritz (Ostprignitz-Ruppin) führen. Auch Linie 901 wird nicht mehr von Pritzwalk bis nach Potsdam fahren.

Über der Fahrerkabine hängt ein Wimpel des Fußballvereins Hansa Rostock mit der Aufschrift „You’ll never walk alone“ (du wirst nie alleine sein). Noch sind die Straßen leer. Im Radio singt Nancy Sinatra vom Ende einer Liebe: „Bang bang, my baby shot me down …“

Am Bahnhof Wittenberge steigt eine Frau ein. Ein Auto überholt den Bus. Wer in einer ländlichen Gegend wie der Prignitz nicht Auto fährt, ist entweder zu jung, hat zu wenig Geld oder die Gesundheit lässt es nicht mehr zu. Ausnahmen sind rar. In Perleberg steigt die Frau aus – wieder allein mit dem Fahrer.

Einige Minuten später, es ist 5.50 Uhr und die Sonne geht auf, steigt in Düpow eine ältere Dame ein. „Wohin?“, fragt der Busfahrer. „Bis nach Potsdam“, antwortet die Frau.

Die ältere Dame zieht ihren Mantel aus. Es ist warm. Extras gibt es keine, doch die Reise ist nicht unbequem, solange man auf eine Toilette verzichten kann. Später wird der Busfahrer kurz halten, um auf einem Rastplatz ein Dixi-Klo aufzusuchen. Fahrgäste müssen bis zum Ende der Fahrt durchhalten.

Die ältere Frau heißt Maria Dieckvoß. Aufgrund einer Sehschwäche verzichtet sie seit einiger Zeit aufs Autofahren. „Ich besuche meine Enkelin in Potsdam, die dort studiert“, erzählt die Rentnerin. Den Bus nimmt sie, weil er vor ihrer Haustür hält. „Das ist praktisch, ich muss nicht umsteigen. Deswegen habe ich mich heute für die Trödeltour entschieden.“ Auf den Preis muss sie nicht schauen, sie hat eine Senioren-Monatskarte für 49 Euro. Zurück will sie aber mit der Bahn fahren. „Der Bus fährt nur um 14 Uhr in Potsdam ab. Das wäre mir zu umständlich. Außerdem will ich noch nach Berlin.“

6.17 Uhr: Ein junger, bärtiger Mann mit großen Kopfhörern und einem Oberteil mit der Aufschrift „Stoppt Tierversuche“ steigt in den Bus und fährt elf Minuten bis nach Kyritz (Ostprignitz-Ruppin). Auch eine Frau mit Stirnband und einer Ausgabe von „Psychologie Heute“ fährt ein paar Stationen mit. Ansonsten bleibt es weiter recht leer in dem Bus mit seinen 50 Sitz- und 38 Stehplätzen.

Kurz nach sieben erreicht der Bus Friesack im Havelland, das an Berlin angrenzt. Plötzlich bestätigt sich alles, was in den letzten Jahren über demographischen Wandel und Verkehrsströme in Brandenburg zu lesen war: Innerhalb von fünf Minuten und zwei Haltestellen ist der Bus voll mit pendelnden Berufstätigen und Schülern.

Als an der nächsten Haltestelle weitere Schüler und an der nächsten noch mehr einsteigen, sind schließlich kaum noch Plätze frei. Zwei Frauen, die bis Nauen fahren, klagen über die geplante Einstellung der Linie: „sehr traurig“ sei das. Damit falle für sie und die Schüler ein idealer Bus weg. Mit anderen Verbindungen komme man zu früh oder zu spät an und müsse umsteigen. Umständlicher sei das alles. Die Frauen haben sich an einer Unterschriften-Sammlung für den Erhalt der Linie beteiligt.

Zu den Organisatoren des Protests gehört Christiane Schmietow. Sie nutzt die Schwesterlinie 901, um von Nauen nach Potsdam zu pendeln. Den Bus aus Pritzwalk würden auch einige Berufsschüler aus der Prignitz nutzen. Und gelegentlich ältere Menschen, um zum Arzt zu fahren. „Wenn der Bus wegfällt, fahren noch mehr mit dem Auto, und es gibt noch mehr Stau“, sagt sie. Die Bahn fahre über Berlin, sei dementsprechend teurer und zu Berufszeiten schon jetzt „voll mit Stehern“. „Horror!“, sagt Schmietow über die Vorstellung, sich in überfüllte Waggons quetschen zu müssen.

Nach einer halben Stunde erreicht der Bus Nauen. Dort leert sich der Bus wieder. Schließlich sind Frau Dieckvoß und eine junge Frau die einzigen verbliebenen Fahrgäste: Anja Rosenberger fährt bis Potsdam. Dort arbeitet sie im Service-Center einer Tageszeitung. „Der Bus hält direkt vor meiner Haustür. Wenn er künftig wegfällt, muss ich mit der Regionalbahn fahren“, sagt Rosenberger. Unbequemer sei das, weil sie dann umsteigen müsse. Länger würde die Fahrt auch dauern. Und andere Busse fahren über viele Dörfer. Da wäre sie über eine Stunde unterwegs, während sie mit der Linie aus der Prignitz, die nicht überall hält, im Idealfall in 35 Minuten ans Ziel kommt.

Der Landkreis Prignitz begründet die Einstellung der Fahrten nach Potsdam mit fehlender Nachfrage. Zudem seien die Strecken seit 2010 besonders defizitär, weil sich Potsdam nicht mehr an der Finanzierung beteilige. Beschwert über die Einstellungen hätten sich vor allem Menschen aus Ostprignitz-Ruppin und Havelland. Für den Nahverkehr in diesen Landkreisen sei man aber nicht zuständig.

Rosenberger schwankt zwischen Verärgerung und Verständnis: „Ständig wird einem der öffentliche Nahverkehr angepriesen. Aber Leuten, die ihn nutzen wollen, wird es nicht einfach gemacht.“ Oft sei der Bus aber nun mal nicht voll. Und wenn nur eine Person aus der Prignitz bis nach Potsdam fahre, lohne sich das wohl einfach nicht.

Bernd Stanislau sieht das ähnlich. „Richtig so“, sagt der Busfahrer, wenn man ihn auf die Einstellung der Linie anspricht. Die Strecke sei einfach zu lang – daher auch nicht verlässlich. „30 Minuten Verspätung kommen durchaus mal vor.“ Und in den Ferien, wenn weniger Verkehr ist, brauchen auch noch weniger den Bus. „Manchmal fährt niemand bis nach Potsdam durch“, sagt Stanislau.

Heute fährt immerhin Frau Dieckvoß zu ihrer Enkelin. Dass es die Bus-Verbindung bald nicht mehr geben soll, nimmt die Prignitzerin gelassen: „Alle haben damit irgendwie zu leben.“ Die Havelländer Pendler haben sich inzwischen an ihren Landrat gewandt, um Ersatz für den Bus aus der Prignitz zu bekommen. Auch Frau Dieckvoß stört am meisten der Nahverkehr in ihrem eigenen Landkreis: Mit dem Bus sei sie zwar in zehn Minuten in Perleberg und von dort brauche die Bahn nur elf Minuten nach Wittenberge. „Aber die Anschlüsse sind so, dass ich in Perleberg erst mal 40 Minuten warten muss.“

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