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17. Dezember 2017 | 07:28 Uhr

Die Karikatur aus der Schublade

vom

svz.de von
erstellt am 21.Aug.2013 | 10:31 Uhr

Prag | An den "Funken aus Rychnov" kann sich kaum ein Mensch mehr erinnern. Die einstige Kreis-Partei-Zeitung der Kommunisten aus dem tschechischen Rychnov nad Kneznou (Reichenau an der Knieschna) in der Gegend von Hradec Kralove existiert seit ewigen Zeiten nicht mehr. Und doch hat die erste August-Ausgabe 1974 das Leben mehrerer Menschen schlagartig verändert.

Die kleine Redaktion war gerade umgezogen, musste auf Anweisung der örtlichen Parteiführung die Seitenzahl von vier auf sechs erhöhen. Chefredakteur Jiri Kaspar war auf den Sprung in den Urlaub, sein Stellvertreter Vojtech Basatek musste die Ausgabe zusammen mit dem Jungredakteur Josef Plachetka fertigstellen und überdies eine neue Sekretärin anlernen.

"Es herrschte die übliche Saure-Gurken-Zeit und zu allem Unglück war ein Artikel etwas zu kurz geraten", erinnert sich Plachetka heute in der Wochenzeitung "Literarni noviny". "Uns fiel nichts ein, was wir noch hätten schreiben können. Und so ging ich an einen Schrank, in dem sogenannte zeitlose Manuskripte für Notzeiten aufbewahrt wurden. Mitten darunter war auch eine Karikatur. Nichts Tolles: ein Gärtner harkt ein Stück Rasen und ärgert sich über Fußspuren, die da jemand hinterlassen hat."

Damals, so der einstige Redakteur weiter, habe es gerade eine Kampagne gegeben, Rasenflächen nicht zu betreten. "Der Gärtner flucht denn auch auf der Karikatur über den Idioten, der sich nicht an die Vorschrift gehalten hat. Der stellvertretende Chefredakteur warf einen kurzen Blick auf die Karikatur, sagte noch, ,na ja, sehr witzig ist sie zwar nicht, aber wir nehmen sie ins Blatt."

Kaum war die Zeitung erschienen, riefen mehrere Partei- und Gewerkschaftsabteilungen in der Redaktion an und meinten, diese Karikatur sei nicht sonderlich gelungen. Plachetka und der Rest der Redaktion dachte sich nichts dabei. Sie hatten die Zeichnung ja selbst nicht so bemerkenswert gefunden. Leserreaktionen gab es keine.

"Tags darauf schwärmten Stasi-Leute zu den Kiosken aus und sammelten sämtliche Ausgaben der Zeitung ein. Sie vergaßen aber die Bibliotheken, in denen plötzlich Leserandrang herrschte", schildert der einstige Jungredakteur die Lage.

"Es dauerte etwas, bis ich mitbekam, was wir eigentlich Schlimmes angestellt hatten", erinnert sich Plachetka. "Mich rief ein Leser an und sagte: Du musst die Zeitung um ein Viertel nach links drehen. Dann siehst du, dass das Rasenstück die Form der CSSR hat und die Spuren auf diesem Rasenstück von Stiefelabdrücken aus Richtung Sowjetunion stammen. Darauf wäre ich nie gekommen."

Besagte Karikatur, so stellte sich heraus, war schon einmal erschienen, 1968 nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei, wo sie den Reformversuch des "Prager Frühlings" unter ihren Panzerketten zermalmten. Veröffentlicht hatte die Karikatur damals die "Literarni noviny" - eines der führenden Blätter des "Prager Frühlings". Plachetka hatte die Zeitung zwar 1968 ziemlich regelmäßig gelesen, aber eben nicht alle Ausgaben. "Sonst hätte ich mich sicher an die Karikatur erinnert", sagt er. Der Karikaturist hatte seine Zeichnungen 1968 an verschiedene Redaktionen geschickt, darunter auch an den "Funken aus Rychnov".

Die Veröffentlichung 1974 kam die Beteiligten teuer zu stehen: Der Chefredakteur wurde entlassen und sein Stellvertreter als Lehrer an eine Mittelschule abgeschoben. Plachetka selbst landete in einem Betrieb. "Überlebt", so Plachetka heute, "hat damals nur unsere neue Sekretärin."

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