„Die Gustloff ist mein Schicksal“

Heinz Schön (l.) neben  dem Hauptdarsteller  des ZDF-Zweiteilers, Kai Wiesinger Fotos: ZDF
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Heinz Schön (l.) neben dem Hauptdarsteller des ZDF-Zweiteilers, Kai Wiesinger Fotos: ZDF

Am 30. Januar 1945, kurz nach 21 Uhr ereignete sich etwa 60 Kilometer vor der pommerschen Küste die größte Schiffskatastrophe der Menschheit. Mehr als 9000 Menschen starben bei der Versenkung der „Wilhelm Gustloff“. Heinz Schön hatte das Unglück damals nicht nur überlebt, er stand dem Filmteam bei den Dreharbeiten zum ZDF-Zweiteiler zu der Tragödie auch beratend zur Seite.

Thomas Volgmann sprach mit dem 81-Jährigen über den Untergang, über Versöhnung und den Film.

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29. Februar 2008, 11:16 Uhr

Herr Schön, wieviele der 1239 Geretteten der Gustloff leben heute nach 63 Jahren noch? Gibt es Kontakte?
Schön: Von uns Geretteten gibt es noch 55. Aber nicht alle können über diese schreckliche Nacht des Untergangs berichten. Viele sind älter als ich, leben in Altersheimen. Andere überlebten die Tragödie als ganz kleine Kinder und kennen die Geschehnisse nur aus den Geschichten ihrer Eltern und Verwandten. Kontakte untereinander finden statt. Es gibt aber auch einige, die nicht mehr über das, was geschehen ist, sprechen wollen.

Wie erlebten Sie in jener Nacht des 30. Januar 1945 den Moment, als die Gustloff von drei Torpedos getroffen wurde?
Schön: Ich war in meiner Kabine und hatte meinen Dienst als Zahlmeisteraspirant gerade beendet. Es war gegen 21 Uhr und ich lag im Bett. Im Radio war die Führerrede zum Jahrestag der Machtergreifung der Nationalsozialisten gerade zu Ende, als eine Explosion unser Schiff erschütterte. Ich dachte zu diesem Zeitpunkt, wir wären auf eine Mine gelaufen. Nach dem zweiten Treffer war mir klar, das war ein Torpedofächer. Die Schiffsmaschinen lagen still, das Licht war erloschen. Von dem zweiten oder dritten Torpedo, der einschlug, war ich hochgeschleudert worden, der Torpedo ging vielleicht fünf Meter unter mir in den Schiffskörper. Ich zog mich an und wusste, dass ich in großer Gefahr war, denn meine Kammer lag hinter einer eisernen Schotttür, die sich bei Wassereinbruch automatisch schließen würde. Ich lief die Treppe hoch und sah die Menschenmassen sich in Richtung Deck bewegen. Und ich sah die ersten Menschen, die totgetreten worden waren. Überall herrschte Chaos.

An welche Bilder erinnern Sie sich besonders?
Schön: Ich lief damals über das Deck zu einem der Rettungsboote und wollte helfen. Ein Leutnant setzte mir die Pistole auf die Brust, nur Frauen und Kinder ließ er durch. Ein Schwachsinn, denn wer sollte die Boote rudern? Neben mir stand ein Mann der sich als Frau verkleidet hatte. Der Leutnant riss ihm das Tuch vom Kopf und erschoss ihn. Zwei Soldaten warfen seinen Körper einfach über Bord. Von einem Floß aus sah ich, wie sich das Schiff neigte, und wie die Geschütze auf dem Deck ins Rutschen kamen und die Menschenmassen zerquetschten. Es war furchtbar. Das Schlimmste aber waren die Schreie und die vielen Köpfe über der Wasseroberfläche. Die Überlebenschancen waren bei Lufttemperaturen von minus 18 Grad und Wassertemperaturen um den Gefrierpunkt denkbar gering.

Wie konnten Sie sich retten?
Schön: Ein Sanitätsfeldwebel hatte mich auf ein Floß gezogen. Das war mein Lebensretter. Ich habe ihn 1997 nach langem Suchen in Freiburg wiedergefunden. Er wusste noch alle Einzelheiten der Rettungstat.
War die Versenkung der Gustloff aus ihrer Sicht ein Kriegsverbrechen?
Schön: Nein. Das Schiff hatte Soldaten an Bord, es war bewaffnet und fuhr mit grauem Tarnanstrich abgedunkelt in Kriegsgewässern. Die Torpedierung war durch das Kriegsrecht gedeckt. Der U-Boot-Besatzung die Schuld zu geben, heißt historische Tatsachen zu verdrehen. Die Torpedierung war der Auslöser der Katastrophe, nicht die Ursache. Denn die Versenkung war die Folge des mörderischen Krieges, der von Deutschland ausgegangen war. Die Katastrophe der Gustloff begann nicht am 30. Januar 1945, sondern bereits am 30. Januar 1933, als die Nazis an die Macht gekommen waren.

Der Kapitän des U-Bootes, Alexander Marinesko, wurde 1990 postum mit dem Titel „Held der Sowjetunion“ ausgezeichnet. Was empfinden Sie dabei?
Schön: Stimmt, die Urkunde unterschrieb damals Michael Gorbatschow. Für diese Auszeichnung habe ich kein Verständnis. Wie kann man das Auslöschen von Tausenden Menschenleben im Krieg als Heldentat verehren. Das ist kein Beitrag zur Aussöhnung.

Hat es den Versuch einer Aussöhnung zwischen Überlebenden der Katastrophe und der russischen Seite gegeben?
Schön: Ja, es hat Treffen gegeben. 1990 war ich auf Einladung der russischen Admiralität in Petersburg. Das war keine einfache Sache. Denn nach russischer Lesart waren auf der Gustloff nur Nazigrößen mit ihren Familien und geraubten Kunstschätzen. Völlig ausgeblendet wurde, dass die meisten Menschen auf dem Schiff Frauen und Kinder waren. Das haben wir beim Treffen geraderücken können, hoffe ich zumindest.
In den neunziger Jahren besuchte ich Wladimir Kurutschkin, den Mann, der am 30. Januar 1945 die drei Torpedos abgefeuert hatte. In ordensgeschmückter Uniform und voller Stolz berichtete er vom Abschuss. Als ich von den zivilen Opfern sprach, winkte er ab.
Drei Monate später war ich mit einem Kamerateam wieder dort. Seine Frau begrüßte mich sofort sehr freundlich und sagte mir, ihr Mann habe seit meinem ersten Besuch nicht mehr richtig geschlafen. Er müsse ständig an die toten Frauen und Kinder denken. Er habe das wirklich nicht gewusst.

Sie haben sich als Chronist und Publizist Zeit ihres Lebens mit den Themen Gustloff und Flucht beschäftigt. Warum?
Schön: Ich bin nach dem Untergang auf ein anderes Schiff kommandiert worden, habe bis zum Kriegsende auf elf weiteren Fahrten Flüchtlinge über die Ostsee gebracht und 22 Mal das Grab der Gustloff überfahren. Diese Konfrontation mit den Flüchtlingen hat mich so nachhaltig beeindruckt, dass ich mir vornahm, diese Geschichte aufzuarbeiten. Die Gustloff ist mein Schicksal. Die Katastrophe und das Thema Flucht über die Ostsee ließen mich nicht wieder los. Ich recherchierte, suchte Material und baute ein Archiv auf. 1952 schrieb ich mein erstes Buch. Weitere Bücher folgten. 2002 kam die Ufa auf mich zu und fragte, ob ich bei einem Film über die Gustloff helfen könnte.

Sie haben an den Dreharbeiten zu dem ZDF-Zweiteiler mitgearbeitet und den Film bereits gesehen. Wie nahe kommt er der Wirklichkeit?
Schön: Der Zweiteiler ist kein Dokumentarfilm, er basiert aber auf Tatsachen. Er braucht natürlich eine Spielfilmhandlung, ohne die man nicht Millionen Menschen vor den Fernsehern in Spannung halten kann. Ich bin aber froh, dass die Handlung keine Liebesaffäre zum Inhalt hat. Es werden Schicksale gezeigt.

Was war in der Wirklichkeit anders, als im Film dargestellt?
Schön: Es sind Kleinigkeiten. Die Sache mit der Sabotage hat auf dem Schiff nicht die Rolle gespielt, wie im Film. Auch organisiert in dem Zweiteiler der Ortsgruppenleiter den Geburtstag von Namensgeber Wilhelm Gustloff für den 30. Januar aufwändig. Ich glaube, 1945 wusste auf dem Schiff niemand mehr so genau, wer dieser Wilhelm Gustloff überhaupt war. Ein Schiffsname eben.

Wie bewerten Sie den Film?
Schön: Die Katastrophe wird in einer Dichte gezeigt, die kaum zu überbieten ist. Er zeigt sehr wirkungsvoll, was Kriege anrichten könen. Ich habe, als ich den Film bei einer Presse-Vorführung das erste Mal sah, bei einigen Szenen die Augen zugemacht, weil ich die Bilder nicht ertragen konnte. Sich mit der größten Schiffskatastrophe der Geschichte zu befassen, heißt auch, das Bewusstsein zu schärfen, was Krieg bedeutet. Es ist die Entfesselung der Hölle gegen wehrlose Frauen und Kinder. Der Film ist daher ein Anti-Kriegs-Film. Ich halte es für wichtig, dass dieser Film nicht nur in Deutschland, sondern über unsere Grenzen hinaus gezeigt wird.


Zur Person:



Heinz Schön, Jahrgang 1926, gehört zu den Überlebenden der Gustloff-Katastrophe vom 30. Januar 1945. An Bord war er Zahlmeisteraspirant. Seine Aufgabe war es, Passagiere zu registrieren. 1952 hatte sein erstes Buch über die Gustloff geschrieben. In rund 60 Jahren baute er das größte private Archiv zum Thema Flucht über die Ostsee auf. Schön arbeitete als Verkehrsdirektor der Stadt Herford
Literatur: Heinz Schön.
Die letzte Fahrt der Wilhelm Gustloff –
Dokumentation eines Überlebenden.
Motorbuch Verlag.


Technische Daten



Vermessung: 25 484 Bruttoregistertonnen
Länge: 208,50 Meter
Breite über Spanten: 23,50 Meter
Seitenhöhe: 17,3 Meter
Tiefgang: Bug 6 Meter / Heck 7 Meter
Maschinenanlage: Diesel, zwei Schrauben
Leistung: 9 500 PS
Höchstgeschwindigkeit:
16,5 Knoten
(31 Kilometer/Stunde)
Dienstgeschwindigkeit: 15,5 Knoten
Fahrbereich: 12 000 Seemeilen (rund 22 200 Kilometer) bei 15 Knoten
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