zur Navigation springen
Neue Artikel

18. November 2017 | 05:52 Uhr

Biertradition : Die Craft-Missionare

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Kaum ein Land hat eine so alte Biertradition wie Deutschland. Aus Amerika kommt nun ein Trend, der diese umkrempeln könnte – Craft Beer.

svz.de von
erstellt am 16.Apr.2016 | 16:00 Uhr

Gutes Bier sei wie eine Einbahnstraße, findet Florian Scheske. Einmal probiert, könne man nicht mehr zurück. So war es auch bei ihm. Als er 2008 in New York ein Brooklyn Lager probierte, war danach nichts mehr wie vorher. Das handgebraute Craft Beer aus Amerika war wie eine Offenbarung. „Industriebiere schmeckten danach nur noch wie Wasser“, sagt er. Der 30-Jährige betreibt zusammen mit seinem Freund Max Kühl die Mikrobrauerei Lillebräu in Kiel.

3000 Liter Lager brauen die beiden Jungs im Monat. Ungefiltert, nicht pasteurisiert und ohne Zusatzstoffe. Damit gehören sie einer Bewegung an, die sich seit einigen Jahren in Deutschland ausbreitet: der Craft-Beer-Bewegung. Der Trend stammt aus Amerika und hat seinen Ursprung in den 1970er Jahren. Weil der amerikanische Biermarkt von wässrigem Lager dominiert wurde, gründeten sich immer mehr regionale Mikro-Brauereien, die dem ein Ende machen wollten. Sie experimentierten mit längst vergessenen Rezepturen und besonderen Malz- und Hopfensorten. Das Ergebnis sind klingende Sorten wie Smoked Porter oder India Pale Ale (IPA). Erst seit einigen Jahren schwappt die Craft-Beer-Welle auch nach Deutschland. Hippe Restaurants bieten statt Hellem oder Pils auch Imperial Stout, Gose oder Witbier an. In Skandinavien ist der Trend hingegen längst angekommen. Die Mikkeller-Brauerei in Kopenhagen zählt inzwischen zu den bekanntesten Craft-Brauereien in Europa.

Im Grunde genommen bedeutet Craft Beer nichts anderes als handwerklich gebrautes Bier (Craft bedeutet auf Deutsch so viel wie „Handwerk“). Allerdings hat sich um diesen Begriff inzwischen eine ganze Bewegung gebildet, die zu einem regelrechten Lifestyle geworden ist. Denn die Besinnung auf ursprüngliche Braukunst, die ohne Zusatzstoffe und künstliche Aromen auskommt, steht der konventionellen Bierindustrie entgegen. Craft Beer wird in vergleichsweise kleinen Mengen und unabhängig von Konzernen gebraut. „Wir erleben hier schon eine kleine Bierrevolution“, sagt Florian Scheske.

Obwohl der Bierabsatz insgesamt rückläufig ist, steigt die Nachfrage nach dem handwerklich gebrauten Bier an. Während es 2004 laut des Onlinedienstes Statista mit knapp drei Prozent Marktanteil noch als Nischenprodukt galt, gehörte Craft Beer 2014 mit elf Prozent Anteil bereits zum festen Segment auf dem amerikanischen Biermarkt. Verlässliche Zahlen zum deutschen Craft-Beer-Absatz gibt es laut Handelsblatt nicht, allerdings soll der Anteil der Brauereien insgesamt steigen, vermutlich gehörten überwiegend kleine Brauereien dazu. „Es gibt inzwischen so viele gute Craft-Biere auf dem Markt, dass man jeden Tag eine andere Sorte trinken könnte – und das ziemlich lange“, sagt Max Kühl.

Ausgebildete Brauer sind er und Florian nicht. In ihrer Küche machten sie während ihres Design-Studiums in Kiel die ersten Brau-Versuche, nur so zum Spaß. Bei einem Australien-Aufenthalt lernte Florian dann die Idee kleiner Brau-Pubs kennen. „Die Leute kommen zusammen und trinken in Ruhe ihr Bier. Es ging dabei mehr um Genuss als ums Saufen.“ Danach bestellten sie sich professionelles Brau-Equipment im Internet und legten los. 800 Liter umfasste die erste Charge ihres „Lille Lagers“. Die Gastronomen, denen sie ihr Bier anboten, waren skeptisch. Zwei junge Typen, die ein paar Flaschen auf den Tisch stellen und behaupten, das wäre gutes Bier und jetzt ein ganz neuer Trend – das Misstrauen war den meisten ins Gesicht geschrieben. „Wir mussten da zuerst viel Missionsarbeit leisten und erst einmal erklären, was Craft Beer überhaupt ist“, sagt Max. Die Zweifel waren spätestens dann verflogen, wenn sie das erste Mal an dem Weinglas genippt hatten, in das Flo und Max ihr „Lille Lager“ gegossen hatten. „Es hat auf Anhieb allen geschmeckt“, sagt Florian.

Für ein Lille Lager aus Kiel zahlt man um die 2,40 Euro – etwa doppelt so viel wie für ein Industriebier. Der Preis ist einer der Gründe, warum die kleinen Mikrobrauereien sich überhaupt halten können. Das hochwertige Craft-Bier lässt sich teurer verkaufen als Konventionelles. Um die zwei Euro zahlt man pro 0,33-Liter-Flasche, einige Sorten kosten bis zu 20 Euro. Die Zielgruppe sind Kunden im mittleren Alter, markenaffin und bereit, mehr Geld für Qualität auszugeben. Auf diesen Zug versuchen auch die großen Braukonzerne aufzuspringen. Sie kaufen die kleinen Brauereien auf oder versuchen, ihre eigenen Craft-Biere auf den Markt zu bringen. Die Großbrauerei Beck’s hat im März 2015 drei Craft-Sorten herausgebracht, darunter ein Pale Ale und ein Amber Lager. Beim Brauen verwenden sie die Hopfensorte Cascade, die in der Craft-Beer-Szene beliebt ist. „Totaler Schrott“, sagt Florian, „da hat man versucht, ein Craft Beer in die Flasche zu kriegen, das aber industriell hergestellt wurde. Das kann nicht funktionieren.“

Genau deshalb sehen der Jungbrauer und sein Geschäftspartner Max diese Entwicklung gelassen. „Die Industrie hat keine Chance“, sagt Florian.

Bier selbst brauen – der Versuch

Es gibt inzwischen eine ganze Reihe von Anbietern im Internet, die fertige Brau-Sets anbieten. Wir haben die „Braubox“ von www.besserbrauer.de getestet und uns bei der Sorte für ein Pale Ale entschieden, ein hopfenaromatisches Bier mit Karamellmalz, wie es in der Beschreibung heißt. In dem Set wird alles mitgeliefert, was man für sein erstes eigenes Bier braucht: Glaskaraffe, Gärverschluss, Schlauch zum Abfüllen, Reinigungsmittel, Malz, Hopfen und Hefe.

Wer es einmal ausprobiert hat, versteht hinterher, warum Bier früher von Mönchen gebraut wurde. Denn man braucht dafür vor allem eines: Zeit. Rund sieben Stunden dauert allein der Brauvorgang, bei dem man ständig rühren, filtern, messen oder umfüllen muss. Schon beim ersten Schritt, dem Einmaischen, bei dem man Malz mit Wasser aufkocht, riecht es in der Küche richtig schön nach Brauerei. Danach wird das Bier in eine Glaskaraffe gefüllt, in der es für eine Woche gelagert wird. Die Hefe wandelt in dieser Zeit den Zucker in Alkohol um und sorgt für die spritzige Kohlensäure. Nach einer Woche wird das Jungbier in Flaschen abgefüllt, für die man am besten vorher einen Kasten „Flensburger“ mit Bügelverschluss geleert hat. Zwei Wochen später ist das Pale Ale fertig. Mit knapp 80 Euro ist das Set kein Schnäppchen, selbst die Nachfüllpakete sind mit 13 Euro plus Arbeitsaufwand nicht wirklich günstig. Dafür schmeckt das Bier aber auch leicht und süffig. Es ist definitiv ein Bier – mit leichtem Hefegeschmack. Allerdings sieht es aus wie naturtrüber Apfelsaft, von der Optik sollte man sich also nicht täuschen lassen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen