Streitbar : Die bekiffte Republik

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Haschisch & Kokain: Aufputschmittel sind salonfähig – denn der Mensch muss funktionieren, analysiert Gesellschaftskritiker Heinz Kurtzbach.

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28. Dezember 2013, 08:00 Uhr

Wolfgang Thierse ist im Grunde seines Herzens ein gutmütiger Mensch. Um die Jahrtausendwende schien es ihm freilich angebracht, aus der Haut zu fahren: „So nicht“, dachte er, damals Bundestagspräsident und somit nicht nur über die Geschäftsordnung, sondern auch über das Ansehen des Parlaments wachend, und erteilte dem Fernsehjournalisten Ulrich Meyer Hausverbot. Meyer hatte für seine Sendung „Akte 2000“ die Toiletten des Bundestages nach Kokain-Rückständen untersuchen lassen – und war fündig geworden. Thierse und der Bundestag standen Kopf, Meyer im Brennpunkt des Interesses und seine Untersuchungsmethode in kritischer Betrachtung. Irgendwann ist die Sache im Sande verlaufen, Meyer durfte den Reichstag wieder betreten und man hat letztlich nie herausgefunden, ob das höchste deutsche Parlament  zeitweise bekifft war. Man weiß es bis heute nicht so genau. Aber es hätte ja sein können.

Ende der koksfreien Zonen

Es hätte ja sein können, denn schließlich soll die soziologische Zusammensetzung des Parlaments  in etwa die soziologische Struktur der Bevölkerung abbilden – was sie  natürlich längst nicht mehr  tut. Aber wenn schon der Drogenkonsum, wie Mediziner und Soziologen unisono erklären,  in seiner vielfältigsten Form inzwischen „in der Mitte der Gesellschaft“ angekommen ist, also alle Schichten der Bevölkerung  durchdringt,  dann dürften  die koksfreien Zonen in der Republik inzwischen dünn gesät sein – eine Annahme, gegen die auch Präsidenten-Wut nichts hilft.

Nun will man niemandem  unterstellen, dass er zur Beschönigung der Situation die Realitäten leugnet oder  Statistiken fälscht. Aber letztere sind ganz gewiss unterschiedlich ausdeutbar, und so  zog in diesem Jahr die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, eine mild-positive Bilanz der „Drogen- und suchtpolitik der letzten Jahre“. Demnach konsumierten Jugendliche im letzten Jahr weniger Alkohol (außer jene, die saufen bis der Arzt kommt), Tabak und Haschisch, wobei der Tabakkonsum bei den jungen Leuten sich sogar innerhalb von zehn Jahren mehr als halbiert habe. Ansonsten aber? Riskanten Alkoholkonsum leisten sich bei den 18- bis 29-Jährigen immer noch 32,4 Prozent der Frauen und 44,6 Prozent der Männer. Nein, da glänzt letztlich wenig: „Erwachsene mit riskanten Konsummustern müssen viel früher mit präventiven Maßnahmen erreicht werden, damit sich aus riskantem Verhalten keine manifeste Abhängigkeit entwickelt“, schlussfolgert die Drogenbeauftragte.  Ist das Glas nun halb voll oder halb leer?

Das Glas ist bei aller Vorsicht halb voll, meint Frau Dykmans, denn auch die Zahl der Rauschgifttoten ist in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen – 2010 auf 2011 von 1237 auf 986; dies allerdings nicht als klar erkennbare Folge von Konsumentenzurückhaltung, sondern auf Grund verbesserter Hilfs- und Behandlungsangeboten. Und der dunkelste Schatten auf der Hoffnung: Die Zahlen der Erstkonsumenten steigen wieder stark an. So wurden im vergangenen Jahr 21315 Menschen erstmals wegen Konsums harter Drogen erfasst – eine Steigerung von fast 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zusätzliche Sorgen bereiten Modedrogen wie Christal  Meth, und nach wie vor  steigt die Zahl der Nutzer von Kokain, Amphetamin und pharmazeutischer  Aufputschmittel: Die schnelle Pille aus der Apotheke ist in vieler Munde.  Sie  erobert  sich die Gesellschaft.

Doping wird salonfähig

Es gibt sie für alle Lebenslagen, die „unterstützenden Mittel“, wie in der DDR die Pillen, Spritzen und Pülverchen genannt  wurden, die Sportlern schnelle Beine und Ausdauer bescherten: zur Erhöhung der Leistungsfähigkeit und zur Aufhellung der Stimmung, zum Ausschalten von Ängsten und zur Entspannung. Und es gibt, natürlich, das Kokain. Doping nicht für Leistungssportler,  sondern für Leute wie Du und ich.

Aufputschen  im Job

Nicht ein Regierungsrapport, sondern ein Krankenkassenbericht, der AOK-Fehlzeitenreport 2013, enthüllt eine schlimme Entwicklung. Zwischen 2002 und 2012, also innerhalb von nur zehn Jahren, stieg demnach die Zahl der Fehltage an Arbeitsplätzen auf Grund von Missbrauch stimulierender Mittel im Alltag um fast 400 Prozent, von 8000 auf 30000 Fälle. „Gehirndoping ist eindeutig auf dem Vormarsch“, sagt Uwe Deh, geschäftsführender Vorstand des AOK-Bundesverbandes.  Und einer Studie der DAK konsumieren rund 800000 Deutsche im Jahr mehrmals pro Woche oder sogar täglich Psychopharmaka zur Leistungssteigerung am Arbeitsplatz, und auch schon jeder zwanzigste Student bedient sich stimulierender Mittel. Klaus Liebe, Direktor der Klinik für Psychiatrie an der Uni Mainz: „Der Gebrauch aufputschender Mittel ist bereits ein Massenphänomen. Die Leute wollen immer mehr aus sich herausholen. Das kann zum Burn-Out führen. Der Körper braucht eigentlich Ruhe, aber er bekommt stattdessen mit Medikamenten noch eines oben drauf“. Die Nutzer finden sich in allen Gesellschaftsbereichen: Studenten, Lehrer, Manager, Banker, Ärzte. Ärzte? Ja, auch Ärzte. Laut „Apotheken Umschau“, eine Branchenillustrierte  die es wissen sollte, sagten 20 Prozent von 1105 durch die Uni Mainz befragten Chirurgen, bereits mindestens einmal zu verschreibungspflichtigen oder illegalen Drogen gegriffen zu haben, um ihre Leistung zu steigern. High am Skalpell? Eigentlich undenkbar, aber der Leistungsgesellschaft geschuldet?

Wasseranalysen decken auf

Der gewöhnliche Alltag der Deutschen scheint also inzwischen dort angekommen zu sein, wo man  bislang nur den Sport vermutete: von Drogen durchsetzt,  und jeglicher Abscheu vor den gedopten Radsportlern, Leichtathleten und anderen Berufssportlern haftet irgendwie der Ruch der Unwahrhaftigkeit an. Als Zeuge für das Ausmaß des Drogenkonsums darf  im Übrigen die Wasserwirtschaft  herhalten: Messungen im Rhein durch das Nürnberger Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung zufolge müssen die knapp 39 Millionen Menschen im Einzugsbereich des Rheins Koksen wie die Teufel – so etwa elf Tonnen Kokain pro Jahr. Das ergibt jedenfalls die Menge des Kokain-Abfallstoffs Benzoylecgonin, der im Rheinwasser bei Mannheim nachgewiesen wurde. Und die Fische feiern Party.  Allein von gedopten Sportlern kann das wohl nicht herrühren.

Der gesellschaftlich relevante Zusammenhang zwischen dem Sportler, der sich zum menschlichen Wrack oder gar zu Tode dopt und dem gestressten Studenten, dem gestylten Jungmanager oder der hoffnungsschwangeren Sternschnuppe am Polit-Firmament oder der Glamour-Lady auf dem roten Teppich , die sich auf  In-Partys ihre Linie ziehen, ist klarer, als das drogenverseuchte Rheinwasser.  Pulver und Pillen sind stets zielgerichtet: Mehr bringen, als man eigentlich drauf  hat; erfolgreich und glänzen eben auch dann, wenn es Körper und Geist im Urzustand nicht hergeben: Höher, schneller, weiter. Cooler, cleverer, besser.  Epo, Koks und Amphetamin und all die anderen unterstützenden Mittelchen – es sind  die kleinen Zwischenmahlzeiten derer, die die anderen blenden und sich selbst betrügen.

Sportler als Sündenbock

Während die Gesellschaft und ihre Öffentlichkeitsindustrie  das Doping in einem grotesken Akt der Selbsttäuschung  immer noch weitgehend als eine Art Sonderproblem  des Leistungssports  banalisieren, sind Wissenschaftler  – Soziologen,  Neurologen, Psychologen – längst zu der festen Überzeugung  gelangt, dass es sich hierbei um ein Phänomen handelt, das längst alle gefangen hält.  Die Gesellschaft ist bekifft  – und die Sportler sind ihre Sündenböcke. „Kokain“, erklärt Wolfgang Götz, Leiter eines Therapiezentrums  in Berlin, die sanftmütige Duldung der Modedroge „Koks“ in einem Land, in dem der Tabak inzwischen als reines Teufelszeug  gilt und man über Haschisch am liebsten kein Wort mehr verlieren möchte,  „produziert die Wirkung , die diese Gesellschaft  fordert.“ Sie sei die „perfekte Droge fürs unsere Gameshow-Gesellschaft, in der alle gut drauf sein sollen, leistungsfähig vor allem.“ Der Mensch soll in unserer Gesellschaft vor allem eines: funktionieren; ob in der Freizeit, oder bei der Arbeit. Für Versager sind keine Plätze reserviert, und  Koks vermittelt armen Teufeln die Illusion, große  Bringer zu sein. Es hilft, dem brutalen Druck der modernen Economy zu widerstehen. 

Ausdauer-Bringer

Die Salondroge Kokain ist in der Tat eine perfekte Stimulanz gegen geistige und körperliche Erschöpfung  – ehe sie ihren Konsumenten zum abhängigen Junkie macht, verhilft sie zu Coolness, Kreativität und Ausdauer.  Ausdauer beim Sex, wie schön, und Ausdauer auch am Schreibtisch und bei Verhandlungen bis mitten in der Nacht, wenn die Normalos längst den Schlaf der Gerechten  schlafen und von einer dopingfreien Tour de France träumen.  Aber wie ist das: Dem Sportler – zum Beispiel Lance Armstrong – erkennt man  Titel und Medaillen ab, wenn er sich mit verbotenen Substanzen im Blut erwischen lässt. Aber würde je jemand auf die Idee kommen, einen Vertrag, den ein bekokster  Unterhändler  nachts um drei genial ausgehandelt  hat, als betrügerisch erschlichen zu bezeichnen und juristisch anzufechten? Wie wäre es wohl, wenn Dopingfahnder eine nächtliche Konferenz  sprengen und die dort versammelten Honoratioren zur Feststellung der  reinen  Reinheit und Lauterkeit diskret zur Urinprobe bitten würden?  Zugegeben: Ein zwar amüsanter, aber doch absurder Gedanke. Ehe so etwas in der Realität eingang  fände,  würde das Recht auf Doping zum Grundrecht mit Verfassungsrang erklärt.

Mitleid für Elite-Doper

Ja, das macht – Berichte der Drogenbeauftragte der Bundesregierung und noch so gut gemeinte wissenschaftlich fundierte Mahnungen hin oder her – den Unterschied: Wird ein Sportidol beim Dopen erwischt, wird es mit Sanktionen belegt, die einem Berufsverbot, also der wirtschaftlichen Existenzvernichtung,  gleichkommen. Er wird öffentlich  (hin)gerichtet, und das Mitleid mit ihm hält sich in Grenzen. Ein Betrüger! Trifft es hingegen ein angesehenes Mitglied der politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Elite, gibt es jede Menge Verständnis und Pardon. Ein Michel Friedmann bekommt  wie selbstverständlich seine zweite Chance, Jörg Immendorf, Gott hab ihn selig, tränenreiche Nachrufe und Konstantin Wecker tut so, als wäre nichts gewesen. Da hagelt es Nächstenliebe, dass einem vor lauter Rührung die Tränen in die Augen schießen und natürlich gibt es nicht nur die zweite Chance – wenn die nicht reicht, die dritte und die vierte oben drauf. Die Welt ist ungerecht. Selbst im Rausch.

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