"Die Außenwirkung solcher Fluchten war verheerend"

Jutta Braun
Jutta Braun

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06. November 2012, 10:11 Uhr

Über das verschwiegene Kapitel geflüchteter DDR-Sportler, ihrer Motivationen und die sich für die Flüchtigen ergebenden Folgen sprach unser Redaktionsmitglied Robert Kiesel mit Dr. Jutta Braun, Leiterin des Zentrums deutsche Sportgeschichte an der Universität Potsdam.

Frau Dr. Braun, wie viele DDR-Sportflüchtlinge wie Hans-Georg Aschenbach hat es gegeben?

Braun: Da gehen die Zahlen auseinander. Laut Ministerium für Staatssicherheit sind rund 600 DDR-Sportler, aber auch Betreuer und Mediziner aus der DDR geflohen. Unserem Institut sind 200 Fluchtfälle aus dem Sportsystem der DDR namentlich bekannt. Die Dunkelziffer dürfte aber groß sein, gerade für die Zeit vor dem Mauerbau.

Welche Bedeutung hatten flüchtige Sportler für die DDR?

Die Außenwirkung solcher Fluchten war verheerend. Erfolgreiche Sportler wie Hans-Georg Aschenbach wurden in der DDR-Öffentlichkeit als sozialistische Vorzeigehelden aufgebaut, ihre Flucht bedeutete einen herben Imageverlust.

Wie wurde damit umgegangen?

Allen Fluchten in zahlreichen Sportarten war gemeinsam, dass die Sportler aus der öffentlichen Erinnerung gelöscht, ihre sportlichen Erfolge aus den Analen getilgt wurden. Bilder wurden herausgeschnitten, Ergebnislisten retuschiert.

Und aus Helden wurden Verräter.

So ist es, zumindest in der offiziellen Propaganda. Flüchtlingen wie Lutz Eigendorf wurde vorgeworfen, sich vom Klassenfeind haben kaufen zu lassen.

Was die Bürger dann daraus gemacht haben, vermag ich nicht zu sagen. Sicher werden zumindest einige ihre Schlussfolgerungen gezogen haben.

Wurden Sportler gegeneinander ausgespielt?

Auch das gab es. Sportler, die über Fluchtpläne anderer geschwiegen hatten, wurden mit Sperren bestraft. Andere wurden offensiv in Stellung gebracht, um den Ruf geflüchteter Sportler zu schädigen, sie zu beschimpfen.

Wie weitreichend war die Überwachung der Sportler?

Besonders nach der gelungenen Flucht des Schwimmers Axel Mitbauer im Jahr 1969 ging sie sehr weit. Der private Bereich wurde schon mit Eintritt auf eine Kinder-und Jugendsportschule (KJS) ausgeforscht. Wir reden über Kinder. Später wurde nach möglichen Fluchtanlässen wie Eheproblemen gesucht. Wolfgang Böhme beispielsweise durfte 1980 nicht an der Handball-WM teilnehmen, weil er die Absicht hatte, sich scheiden zu lassen.

Waren die Sportler nach gelungener Flucht in die BRD sicher?

Sagen wir so, die Sache war dann nicht vorbei. Die Stasi setzte weiterhin Mitarbeiter an, die ihnen nachstellten, Gewohnheiten aufklärten. Maßnahmen bis hin zu Entführung oder gar Mord waren möglich.

Hat es einen solchen Mordfall tatsächlich gegeben?

Es lässt sich nicht nachweisen, aber der Tod des geflohenen Fußballers Lutz Eigendorf bei einem mysteriösen Autounfall nährt erhebliche Zweifel. Entführungen hat es aber gegeben. Zudem bekamen zurückgebliebene Verwandte Probleme. Man wollte abschreckende Beispiele schaffen.

Dennoch nahmen die Sportler das Risiko in Kauf.

Das war immer eine sehr individuelle Entscheidung. Eine allgemeine Unzufriedenheit mit Diktatur und Mangelwirtschaft sowie das Gefühl, gegängelt zu werden, waren vielen gemein. Hinzu kamen die sportspezifischen Gründe: das DDR-Dopingsystem, aber auch der Fakt, dass gerade die Reisekader einen Teil der Welt gesehen hatten und sich nicht länger in einen Käfig sperren lassen wollten.

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