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21. November 2017 | 11:20 Uhr

Diagnose positiv - Leben mit HIV

vom

svz.de von
erstellt am 30.Nov.2011 | 07:59 Uhr

Wismar | Er ist groß, schlank, kurzhaarig und hat dunkle Haare. Er trägt eine Brille. Er heißt Felix*, ist 23 Jahre alt, homosexuell und HIV positiv. "Ich hatte es geahnt. Doch es schwarz-auf-weiß zu sehen und es von einem Arzt bestätigt zu bekommen, war ein Schock. Ich hab geweint", erzählt Felix.

An den Tag kann er sich noch gut erinnern, denn lange ist es noch nicht her. Erst im April dieses Jahres steckte er sich mit dem HI-Virus an. Ungeschützter Sex mit einem anderen Mann aus Berlin, der das Virus bereits in sich trägt. "Als ich die Diagnose HIV positiv bekam, hab ich ihn angerufen und ihm gesagt, er solle sich testen lassen." Doch das war nicht mehr nötig, denn der Berliner wusste bereits, dass er seit längerem positiv ist. "Als er mir das sagte, war es schon ein Schlag ins Gesicht. Doch ich weiß, dass ich selbst Schuld bin. Ich hätte auf ein Kondom bestehen müssen - das hab ich aber nicht."

Diagnose HIV positiv: Ein Schock

Als er wenige Wochen später wieder in Wismar ankam, bemerkte er erste Symptome. "Ich hatte alles: Schüttelfrost, Fieber, Durchfall. Und dann am ganzen Körper Ausschlag von der Syphilis, mit der ich mich zusätzlich angesteckt hatte", erinnert sich der 23-Jährige. Diese wurde stationär behandelt. Immer wieder wurden in den vergangenen Monaten Tests gemacht - wegen Syphilis und der HIV-Infektion. Seinem Partner verheimlicht Felix zunächst seine Befürchtungen, positiv zu sein. "Ich hatte Angst, es ihm zu sagen. Ich hab ihm aber gesagt, als ich in Rostock wegen der Syphilis behandelt wurde, dass er sich auch auf HIV testen lassen soll." Die Testergebnisse seines Partners waren zunächst negativ - keine Syphilis, kein HIV. Doch sechs Wochen später die Ernüchterung: Mit Syphilis hatte Felix seinen Freund angesteckt. Aber auch Erleichterung, denn der 29-Jährige ist weiterhin HIV-negativ. Und das soll in Zukunft auch so bleiben. "Ich habe jetzt schon angefangen, Medikamente zu nehmen, um das Risiko, meinen Partner anzustecken, zu senken." Doch das reicht nicht. Geschlechtsverkehr ohne Schutz ist jetzt nicht mehr möglich. "Es ist nichts mehr wie früher. Mein Freund hat seine Probleme damit, genauso wie ich", erzählt Felix.

Bislang wissen nur sein Partner und seine Mutter von seiner Infektion. "Meiner Mutter hatte ich es bereits sehr früh erzählt, ohne das Testergebnis abzuwarten." Seine Mutter sei am Boden zerstört gewesen, in Tränen ausgebrochen. "Sie hat mich heruntergeputzt. Ich wäre noch so jung und was jetzt werden soll", erinnert sich Felix. Verändert hat sich seitdem etwas im Verhältnis zwischen Mutter und Sohn, da ist sich der 23-Jährige sicher. Felix spürt die Angst der Mutter, weil sie so wenig über die Krankheit weiß. "Sie fragte mich, ob sie mich jetzt nicht mehr in den Arm nehmen und auch keinen Kuss mehr geben darf." Doch das ist Unsinn. Aber genau darüber ärgert sich der junge Mann, dass so viele glauben, dass jeglicher Kontakt mit einem Positiven sie anstecken könnte. "Nach meiner Infektion habe ich mich ausgiebig mit dem Thema beschäftigt und meiner Mutter erklärt, dass ich sie so nicht anstecken kann." Seinem Vater und seinen vier Geschwistern hat er bislang nichts von seiner HIV-positiv-Diagnose erzählt. Noch muss Felix allein mit dem Schock zurecht kommen. Mit der Mutter und auch seinem Partner kann er kaum über das Thema reden. Deshalb hält er sich oft - solange er noch nicht wieder arbeitet - bei der Aids-Hilfe Westmecklenburg in Wismar auf. Dort wird ihm geholfen, werden Gespräche geführt, aber auch Klartext gesprochen, schließlich trage der 23-Jährige jetzt eine große Verantwortung. Vor allem vor dem Gespräch mit dem Vater hat Felix Angst. Bei seinem Outing vor fünf Jahren war es nicht anders. "Mein Vater hat ein paar Monate später erfahren, dass ich schwul bin. Aber nicht ich habe es ihm gesagt, er hat mich damals direkt gefragt." Auch seinem Freundeskreis gegenüber verheimlicht der 23-Jährige noch seine Infektion. "Als ich mich geoutet habe, habe ich auch einige Freunde verloren - vor allem die Männer wollten nichts mehr mit mir zu tun haben." Seitdem hat Felix viele Freundinnen, mit denen er quatschen und Einkaufen gehen kann. Noch lange vor sich hinschieben, will er die Gespräche mit Freunden und Familie nicht. Jetzt schon versucht er, seinen jüngeren Schwestern mit auf den Weg zu geben, dass es wichtig ist, Kondome zu benutzen.

Die Hoffnung an ein gutes Leben bleibt

Ans Aufgeben denkt Felix nicht. "Das Leben geht weiter. Es wird sich nicht viel verändern, außer, dass ich regelmäßig essen muss wegen meiner Medikamente." Zwei Tabletten am Tag, abends vor dem Schlafengehen. Noch hat er Nebenwirkungen, deshalb arbeitet Felix zurzeit nicht. "Ich fühle mich morgens wie benommen. Kann schlecht einschlafen und habe abstruse Träume - richtige Albträume." Er hofft, dass in den kommenden Jahren mehr Aufklärung und Prävention geleistet wird, denn noch immer sind HIV-Positive Aussätzige in der Gesellschaft. Felix hofft auch, dass die Medikamente noch besser werden - doch noch mehr wünscht er sich, dass HIV irgendwann einmal heilbar ist. In die Zukunft blickt er positiv. "Ich hoffe, dass ich ohne große Probleme alt werde, dass ich meine 70 Jahre erreiche." Denn was die wenigsten wissen - und das ärgert den 23-Jährigen - ist, dass die Diagnose HIV-positiv nicht heißt, Aids zu haben und gleich sterben zu müssen. "Viele kennen den Unterschied zwischen HIV und Aids gar nicht. Ich kann lange leben, ohne dass bei mir jemals die Krankheit ausbricht." Doch am sehnlichsten wünscht sich Felix, dass er die Zeit zurückdrehen könnte.

(* Name von der Redaktion geändert.)

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