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22. November 2017 | 12:24 Uhr

Deshalb Gauck

vom

svz.de von
erstellt am 20.Feb.2012 | 08:09 Uhr

Wenn man alles außer Acht lässt, was zwischen Freitag- und Sonntagabend geschehen ist, dann haben die Parteien Wort gehalten. Der Konsenskandidat wurde gesucht, wie von Merkel angekündigt. Und er wurde gefunden, wie von Union-FDP-SPD-Grünen gefordert. Das passende wie seltene Bild dazu gab es auf der Pressekonferenz mit Joachim Gauck. Die Parteichefs - die Grünen gar mit beiden - drängten gemeinsam aufs Podium. Nur: Die Zeit zwischen Freitag- und Sonntagabend kann man nicht außer Acht lassen. Die Parteien hatten versprochen, zumindest für diese eine Weile auf taktische Manöver zu verzichten. Die Weile jedoch dauerte bloß ein paar Stunden, dann siegten Reflexe und Rituale. Das heißt: In jedem Einzelfall lässt sich die Gauck-Wahl erklären - und immer hat es mit Eigennutz zu tun. Die FDP wollte endlich einmal die Mehrheit der Deutschen hinter sich wissen, wollte punkten in der Koalition und ihr Verlierer-Image abstreifen. Deshalb Gauck. SPD und Grüne wiederum wussten um die Nöte der Kanzlerin, um knappe Mehrheiten in der Bundesversammlung, um aktuelle Umfragewerte. Sie schlossen Kandidaten aus, bis kein Politiker mit Parteibuch übrig blieb. Deshalb Gauck. Und die Union? Die durfte mit der SPD den möglichen Regierungspartner nicht verärgern, ihrer einzigen Machtperspektive für die Zeit nach 2013. Sie musste einem Kandidaten zustimmen, den sie vor zwei Jahren nicht wollte, der jetzt deutlich macht, wie falsch die Entscheidung pro Wulff war, der aber auch dafür stehen wird, dass die Kanzlerin über ihren Schatten springen kann. Deshalb Gauck. Die Zeit zwischen Freitag- und Sonntagabend war vor allem dies: ein Machtspiel. Für die Liberalen eröffnete Kubicki die Diskussion. Gabriel platzierte den Kandidaten der SPD, Steinmeier stellte Forderungen, bis runter auf Kreisebene war derselbe Wortlaut zu vernehmen. CDU und CSU hingegen arbeiteten sich an ihrer Liste ab, bis runter auf Kreisebene wurde nach Kräften flankiert. Wer verhindert wen? Wie lässt sich das Gesicht wahren? Das Wochenende könnte Thema sein im Pro-Seminar für angehende Politikwissenschaftler. Es war politisches Gerangel um ein hochpolitisches Amt. Das Problem ist: Angekündigt wurde das Gegenteil. Dass beim falschen Spiel vermutlich das richtige Ergebnis herausgekommen ist, dass die Parteien gestern versuchten, entweder eine Koalitionskrise ab- oder sich der Person Gauck zuzuwenden, all das wird den Eindruck zwischen Freitag- und Sonntagabend nicht kaschieren: Sie können nicht anders.

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