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Der Unglücks-Kapitän steuert seinen eigenen Kurs

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erstellt am 16.Jan.2012 | 08:57 Uhr

Rom | Ältere Fotos zeigen ihn in schicker weißer Kapitänskleidung, braungebrannt und mit Sonnenbrille auf der Kommandobrücke. Francesco Schettino, gut gewachsener Süditaliener, scheint so bestens dem Bild eines Mannes zu entsprechen, der mit seinem 290-Meter-Traumschiff Tausenden Passagieren aus aller Welt die Schönheiten des Mittelmeeres zeigt. Doch seit der spektakulären Havarie der "Costa Concordia" Ende vergangener Woche stimmt das Image des 52-Jährigen aus dem kampanischen Ort Meta di Sorrento bei Neapel nicht mehr. Schettino sitzt in U-Haft. Der Staatsanwalt macht ihm schwerste Vorwürfe, sein als fragwürdig geschildertes Verhalten bei dem Schiffbruch steht im Fokus der Medien.

Schettino stammt aus einer Seefahrerfamilie. Seine erste Aufgabe bei der Genueser Reederei Costa Crociere war Verantwortlicher Offizier für die Sicherheit.

Wobei gerade die Sicherheit an Bord der "Costa Concordia" und das Verhalten des Kapitäns während der Evakuierung eine Reihe von Fragen aufwerfen. Seine erste Verteidigung in einem Interview war kurz: Der Felsen, den das Schiff gerammt habe, sei auf keiner Karte verzeichnet gewesen.

Der Felsen sei auf den Karten eingezeichnet, sagte gestern der Geschäftsführer des Unternehmens Costa Kreuzfahrten, Heiko Jensen, in Hamburg. Schettino habe die Route eigenmächtig geändert ergänzte er. Nach derzeitigem Ermittlungsstand scheine menschliches Versagen der Schiffsführung zu dem Unglück vor der toskanischen Insel Giglio geführt zu haben. Die Crew dagegen habe bei der Rettung der mehr als 4000 Passagiere sehr umsichtig gehandelt. Bei der Havarie waren seinen Angaben zufolge 566 Menschen aus ganz Deutschland an Bord. Über die vermissten deutschen Urlauber sprach Jensen von einer kleinen zweistelligen Zahl. Nach Angaben der deutschen Polizei wurden bis Gestern Abend zwölf Personen vermisst.

Jetzt ist Schettino also in Untersuchungshaft, soll schon bald verhört werden. Stunden nach dem Desaster und kurz vor der Festnahme hatte er noch seine Mutter angerufen: "Es ist hier eine Tragödie passiert, bleib’ aber ruhig, ich habe noch versucht, die Passagiere zu retten", sagte er einem Bericht des Mailänder "Corriere della Sera" zufolge. Festgenommen wurde er dann auch, weil wohl nicht auszuschließen sei, dass er Beweismaterial manipulieren könne, hieß es. Wiederholt von der Küstenwache aufgefordert, für die Evakuierung zurück an Bord zu gehen, soll er nur angeboten haben, die "Blackbox" des Unglücksschiffes zu holen, wie italienische Medien berichteten.

Diese inzwischen gefundenen Aufzeichnungen der Kommunikation auf der Kommandobrücke und mit dem Hafenamt sind es, die den Ermittlern Informationen über den Ablauf der dramatischen Geschehnisse in der Nacht geben. "Die Ermittler verdächtigen ihn, er habe das sabotieren wollen", hielt die Turiner "La Stampa" dazu gestern fest. Was den Kommandanten noch mehr ins Kreuzfeuer der Kritik bringen könnte.

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