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16. August 2017 | 23:51 Uhr

Der tote Schwimmer im Schweriner See

vom

Schwerin | Ruhig liegt der Schweriner See in der Dezembersonne. Es ist windstill, das Wasser spiegelblank, ein paar Enten paddeln am Ufer entlang. Irgendwo auf dem Grund des Sees liegt eine Leiche. Seit Jahren unentdeckt.

Rückblick: Der 13. August 2006 ist ein Sonntag. Der Himmel ist bedeckt. 14 Grad Lufttemperatur, Windstärke eins. Gegen 10.30 Uhr ist viel los auf der Insel Kaninchenwerder im südlichen Schweriner Innensee. In einer halben Stunde startet das zweite Schweriner Langstreckenschwimmen. 1800 Meter von der Insel aus ans Ufer, den Zippendorfer Strand. 236 Schwimmer gehen an den Start. Sie kommen aus Mecklenburg-Vorpommern, aus Berlin, aus Hamburg.

Auch Uwe B. wärmt sich für den Wettkampf auf. Er ist 47 Jahre alt, drahtig, durchtrainiert. Eine Sportskanone. Er isst noch eine Banane und trinkt ein Glas Wasser. Am Abend zuvor hat er nichts gegessen, um sich auf das Rennen vorzubereiten. Er streift sein rotes Hemd ab, steht mit freiem Oberkörper und in einer blauen Badehose am Ufer. Er zieht sich zwei Badekappen über den Kopf, erst eine silberne, dann eine grüne. Er hat Ohrenprobleme, will sich deshalb besonders schützen. Um Punkt 11 Uhr startet das Rennen. Auch für Uwe B, Startnummer 171. Er krault los, schwimmt wie schon so oft dem Ziel entgegen. Ankommen wird er dort nie.

Irgendwo auf der Strecke ist mit ihm plötzlich etwas nicht in Ordnung. "Alles ok?", fragt ihn ein anderer Schwimmer. "Ich habe Schmerzen in der Brust", ruft B. "Wenn du nicht mehr kannst, dann heb die Hand", sagt der andere. Denn ein Handzeichen bei dem Wettschwimmen genügt. Insgesamt elf Boote schwimmen entlang der Strecke. Bereit, erschöpfte Schwimmer aus dem Wasser zu ziehen. Sechs Sportler heben bei diesem Wettschwimmen den Arm aus dem Wasser. Die Helfer ziehen alle sechs an Bord. B. ist nicht dabei. Als sich der andere Schwimmer noch einmal umdreht, ist Uwe B. verschwunden. Der andere denkt sich nichts dabei, glaubt, Böttcher tauche vielleicht eine Strecke oder sei von Helfern an Bord eines Bootes gezogen worden.

Nach 21 Minuten, 48 Sekunden und fünf Zehntelsekunden erreicht der Sieger das Ziel. Der letzte Schwimmer kommt nach einer Stunden, drei Minuten und 48 Sekunden aus dem Wasser. Der 236. Teilnehmer fehlt. Startnummer 171 ist verschwunden. Die Veranstalter werden nervös, rufen die Polizei. Die beginnt sofort mit der Suche. Aber es gibt ein Problem: Die Streckenmarkierungen wurden entfernt, die Polizei weiß deshalb nur noch vage, wo sie überhaupt nach dem verschwundenen Schwimmer suchen soll.

Blick in die Vergangenheit

Kriminalkommissariat Schwerin, Dezember 2011: Kriminalhauptkommissar Dietmar Koth sitzt an seinem Schreibtisch. Vor ihm liegen drei Cherrytomaten und ein Marmeladenbrot. Sein Mittagessen. Vor fünfeinhalb Jahren war Koth bei der Kripo Sachgebietsleiter Leben und Gesundheit. Zuständig auch für Tote und Vermisste. An den Fall des Langstreckenschwimmers kann sich Koth gut erinnern. Der blonde Mann schaut über die Gläser seiner Brille, die aussieht, als säße sie falschherum auf seiner Nase. Er schlägt eine rosafarbene Mappe auf. Staatsanwaltschaft Schwerin steht auf dem Deckel. "Uns haben alle für verrückt gehalten, dass wir so intensiv nach dem Mann gesucht haben, aber uns hat damals einfach der Ehrgeiz gepackt", sagt Koth und lacht. Ein Mann, spurlos verschwunden? Koth wollte sich damit nicht zufriedengeben. "Wir wollten ihn unbedingt finden", sagt der Kripo-Mann. Hubschrauber kreisten tagelang über dem See, zehn Polizeitaucher aus Schwerin und Hamburg suchten mehrere Tage lang den Grund des Sees ab.

"Weil die Bojen entfernt worden waren, war es unheimlich schwierig, das Gebiet einzugrenzen", erinnert sich Koth. Einen Suchbereich von 100 mal 60 Meter ermittelten die Polizisten am Ende. "Ein riesiger Bereich für eine Suche unter Wasser", sagt Koth und zupft an seiner lilafarbenen Krawatte. In der Akte liegt auch Böttchers Personalausweis. Ein Mann mit Glatze und weißem Bart.

Bernd Knitter reißt die Tür von Koths Büro auf. Er hat blonde Haare, eine sportliche Figur, trägt ein gestreiftes Hemd und dunkelblaue Jeans. Wenn er redet, dann ziemlich laut. Mit fester Stimme und nordischem Akzent. Vor fünf Jahren war Knitter Leiter der Schweriner Kriminalpolizei. "Solche Vermisstenfälle habe ich immer an mich gezogen, weil es mir wichtig war, die Menschen zu finden", sagt Knitter und gestikuliert mit den Händen. Alles habe er versucht, um B. zu finden, sagt Knitter und grinst über den Schreibtisch hinweg zu Koth hinüber. Die beiden mögen sich. So manche Ermittlung haben sie erfolgreich zusammen geführt.

Leichenhunde schlugen an

Ein paar Minuten lang hatten die beiden den toten Schwimmer gefunden. Glaubten sie zumindest. Drei Spürhunde aus Dessau, die darauf dressiert waren, den Geruch von Toten auch an der Wasseroberfläche zu riechen, setzte die Schweriner Kripo ein. "Die Hunde haben dreimal an derselben Stelle angeschlagen - unabhängig voneinander", sagt Knitter und seine Augen blitzen hinter der randlosen Brille. Knitter ist ein Jäger - und um ein Haar hätte es auch in diesem Fall geklappt. Die Taucher stiegen hinab auf den Grund in 25 Metern Tiefe. Sie fanden: nichts. Nichts als Schlamm, Steine und Müll. "Ich kann bis heute nicht verstehen, warum die Hunde angeschlagen haben", sagt Knitter und zuckt mit den Schultern. Selbst mit Schallmessgeräten suchte die Polizei. Ohne Ergebnis. In seiner Zeit als Schweriner Kripochef hatte Knitter jeden Fall lösen können. Diesen nicht.

Trotzdem hat der Polizist seinen Frieden mit dem Fall gemacht. Vor allem, weil er sich sicher ist, den Fall auch ohne Leiche gelöst zu haben. Kurz nach dem Verschwinden des Schwimmers kamen Gerüchte in Schwerin auf. Der Mann habe sich nach Brasilien abgesetzt, hieß es. Doch die Polizei kam zu anderen Schlüssen. Sie durchleuchtete das private Umfeld des Mannes. Ein Motiv für einen vorgetäuschten Tod fand die Polizei nicht. "Er hatte keine Lebensversicherung, niemand hätte von so einem Plan profitiert, auch er selbst nicht", sagt Knitter. Er schließt alles andere als einen Unfall aus. "Wahrscheinlich ist er untergegangen wie ein Stein, vielleicht gab es Strömungen, vielleicht ist er in eine Untiefe geraten und deshalb nicht wieder aufgetaucht", versucht der heutige Kriminaloberrat des Rostocker Polizeipräsidiums die Puzzleteilchen zusammenzufügen.

Eine letzte heiße Spur gab es dann doch noch: Auf Kaninchenwerder fanden die Ermittler eine Plastikrolle. Inhalt: Ein zusammengerollter Brief an Uwe B. Verfasserin: eine ehemalige Geliebte. "Zauberer, ich vermisse dich", steht dort mit geschwungener Handschrift. Die Schweriner Kripo fand die Frau in Berlin. Sie hatte die Rolle nach dem Tod ihres Ex-Geliebten auf die Insel gelegt. Eine verflossene Liebe, mehr nicht. Auch diese Spur verlief im Sande. Am 28. August 2006, 10.15 Uhr, stellte die Polizei ihre Suche nach B. ein.

Die Akte bleibt offen

Dietmar Koth sammelt die vielen Dokumente auf seinem Schreibtisch zusammen und legt sie zurück in die Akte. Zahnstatus, Personalausweis, Starterliste, Briefrolle. Ein letzter Blick über den Rand seiner Brille, dann klappt er den Deckel zu und legt seinen Hand darauf. "So", sagt er und atmet tief ein. Für heute hat er die Akte geschlossen. Doch wie bei allen Langzeitvermissten bleibt die Akte bis zu 30 Jahre lang offen. Es sei denn, die Leiche würde doch noch gefunden. Allein: Daran glauben die Ermittler schon lange nicht mehr.

Ruhig liegt der Schweriner See in der Dezembersonne. Es ist windstill, das Wasser spiegelblank, ein paar Enten paddeln am Ufer entlang. Irgendwo auf dem Grund liegt eine Leiche. Der See - er hat gewonnen.

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erstellt am 09.Dez.2011 | 09:16 Uhr

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