zur Navigation springen
Neue Artikel

20. Oktober 2017 | 07:29 Uhr

Alptraum im Krankenhaus : Der schwedische Patient

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Ärzte sagten seinen baldigen Tod voraus und baten die Familie um seine Organe – er hörte im Koma alles

Es klingt wie aus einem Alptraum. Für tot gehalten zu werden und es nicht zu sein. Es aber auch niemandem mitteilen zu können. Für den Schweden Jimi Fritze war es Wirklichkeit. Mit seiner Freundin hatte er in einem romantischen Inselrestaurant an der westschwedischen Küste gegessen. Die beiden teilten sich eine Flasche guten Rotwein und redeten über die Zukunft. Dann brach Jimi Fritze zusammen. Eine fatale Gehirnblutung.

Jimi Fritze werde sterben, es gebe keine Hoffnung, sagten die Ärzte nach zwei Tagen, der fast ununterbrochen an seinem Bett sitzenden Freundin. Aber Jimi könne andere Leben retten, sagte der Arzt eifrig. Er sei mit 40 noch jung und habe Organe, die anderen Menschen ein Überleben ermöglichen könnten.

Jimi lag bei diesem Gespräch neben dem Arzt, der Freundin und weiteren Angehörigen. Denen erschien der Vorschlag einleuchtend. Sie willigten ein. „Er war jung und hatte ein gutes Herz“, so seine Schwester.

Was niemand wusste: Jimi war vom Kopf bis zu den Zehenspitzen total gelähmt. Aber nicht bewusstlos. Augen und Ohren funktionierten noch. Und was auch niemand wusste: Die Diagnose des Arztes war falsch.

„Ich war Gefangener in meinem eigenen Körper, als sie über meinen Tod und meine Organe sprachen. Völlig wehrlos. Das Einzige, was funktionierte, war Sehen und Hören. Ich konnte mich nicht bewegen, nicht reden. Ich dachte: Das kann doch nicht wahr sein. Und ich versuchte ständig, Lebenszeichen von mir zu geben. Aber es ging nicht“, so Fritze im Radio Schweden (SR).

Ein anderer, erfahrenerer Arzt, der am Tag zuvor aus dem Urlaub gekommen war und sich die Akte Fritze noch einmal vornahm, rettete Jimis Leben. Er schaute auf die Röntgenaufnahmen und war verwundert über die Todesdiagnose. Jimi werde nicht sterben, konstatierte er gegenüber den überraschten Angehörigen. „Das war ein großes Trauma für meine Verwandten. Erst zu entscheiden, ob meine Organe weggegeben werden sollen und dann von mir Abschied nehmen. Und dann kommt ein völlig gegenteiliger Bescheid“, erinnert sich Jimi.

Das Ganze ereignete sich im Juli 2013. Nach dem Schock und zahlreichen Reha-Maßnahmen hat sich Jimi nun entschieden, das renommierte Göteborger Krankenhaus anzuzeigen und die furchtbare Geschichte in den Medien öffentlich zu machen. „Ich will andere warnen“, sagt er unserer Zeitung. „Ich glaube nicht, dass ich der Einzige bin, dem das passiert ist.“

Beim medizinethischen Rat Schwedens will man sich nicht zu Einzelfällen wie dem von Jimi Fritze äußern. Grundsätzlich, so räumte das Gremium jedoch ein, hätten sich die Ärzte anscheinend nicht an „gängige Routinen“ gehalten. „Man darf nicht nach Organspenden fragen, bis der Patient hirntot ist“, stellte Vorsitzender Kjell Asplund fest. Fritze war nicht hirntot. Im Gegenteil. Einige Tage später ließen die Lähmungen nach. Er erwachte zu neuem Leben.

Heute ist er stark körperlich behindert und wird rund um die Uhr von Pflegekräften betreut. Aber er lebt. Und darüber ist er froh.

In Schweden kommen jährlich 15,5 Organspender auf eine Million Einwohner. Der Organspendeverband befürchtet, dass solche Skandalgeschichten dazu führen könnten, dass weniger Menschen in Zukunft Organe spenden wollen.



zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen