Der Osterspaziergang und unsere Krisen

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10. April 2009, 08:58 Uhr

Ein Gedankenexperiment. Goethe hätte seinen Dr. Faust jene Phiole mit dem Gift doch trinken lassen. Aus einer Dichterlaune heraus wäre ganzen Schülergenerationen das Büffeln des Osterspaziergangs erspart geblieben. Kein Lehrer hätte stammelnd versuchen müssen, vorwitzigen Schülern zu erklären, was das denn sei, das Ewig-Weibliche. Ich habs erlebt. Und überhaupt hätten wir Deutschen uns einen anderen literarischen Hauptmythos suchen müssen.

Müßige Gedanken. Wir haben zu unserem Glück alle 12 000 Verse, von den rätselhaften "schwankenden Gestalten", die sich wieder nahen, bis zu jenem "Ewig-Weiblichen", das uns hinan zieht. Den ganzen "Faust" also, auf den wir stolz sind wie die Spanier auf ihren Don Quichote und die Engländer auf den Hamlet. Faust, der Tatmensch, der Vorwärtsdrängende, der sich nie zufrieden gibt: "Wie ich beharre bin ich Knecht". "Stürzen wir uns in das Rauschen der Zeit". "Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,/So sei es gleich um mich getan!" "Und Fluch vor allen der Geduld!" Armer Faust!

Natürlich wollte Goethe seinen Helden von den Osterglocken retten lassen, des theatralischen Effektes wegen und weil er mit ihm noch viel vorhatte.

Der "Faust" ließ ihn ein ganzes langes Leben nicht los. In ihm kulminierte auch Goethes Unbehagen an der aufscheinenden Moderne, vor dem, was wir Fortschritt nennen, ein, wie wir wissen, janusköpfiger Geselle, der gibt und zugleich nimmt, kurz, seinen Preis hat. "So wenig nun die Dampfmaschinen zu dämpfen sind, so wenig ist dies auch im Sittlichen möglich; die Lebhaftigkeit des Handels, das Durchrauschen des Papiergelds, das Anschwellen der Schulden, um Schulden zu bezahlen, das alles sind die ungeheuren Elemente, auf die gegenwärtig ein junger Mann gesetzt ist." Schreibt Goethe 1829. Vor 180 Jahren!

Im "Faust II" gibt Mephisto an Schafhirten Schuldscheine aus: "Der Zettel hier ist tausend Kronen wert./Ihm liegt gesichert als gewisses Pfand,/Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland./" Ganz schön hellsichtig. Als hätten Hexen auch dem Geheimrat einen Blick in die Zauberkugel gestattet, auf dass er staunend unserer Krisen ansichtig werde.

Mit dem "Faust" jedenfalls scheint er einen frühen Vertreter jener Globalisierungsgeneration geschaffen zu haben, für die sich alles nach dem Golde drängt, die im Konsumrausch "von Begierde zu Genuß" hetzt und dankbar einen Pakt nach dem anderen mit jenen Mephistos eingeht, die Ablenkung, Erfolg, Reichtum versprechen. Und vor allem zu verhindern suchen, dass sie zur Ruhe kommen. Womöglich weniger konsumieren oder keine Lust mehr haben, global die Bedingungen für Konsum zu schaffen. Der Germanist Michael Jaeger hat unlängst in einer Studie über das "Verschwinden der Gegenwart" formelhaft die Aktualität Goethes in einer Schlagzeile anschaulich gemacht: "Global Player Faust". Christoph Schroths aktueller "Faust" im Theater Cottbus ist genau so ein unzufriedener, gehetzter Manager mit Laptop und feinem Bankerzwirn.

Nun wird niemand dem alten Geheimrat ernsthaft Fortschrittsfeindlichkeit unterstellen können. Unermüdlich informierte er sich bis ins hohe Alter über neue Techniken: Napoleon Kriegstechnik, Experimente mit Harnstoff, Heißluftballons, Webstühle und Kanalbau - Goethe war auf der Höhe der Zeit. Wenn er auch keine Illusionen hatte über "die Vor- und Rückschritte, die zu gleicher Zeit geschehen".

Sein Faust ist eine ambivalente Figur, das macht ihren Reiz aus. Faust geht über Leichen (Gretchen, die Alten Baucis und Philemon). Er erlebt aber auch in den griechischen Szenen Erfüllung. Durch die Konzentration auf den Moment. Durch Helena. Im Schoße des Ewig-Weiblichen. "Nun schaut der Geist nicht vorwärts nicht zurück,/Die Gegenwart allein/ist unser Glück."

Eine gehetzte Freundin fragte unlängst: "Kann das alles nicht mal anhalten?" Kann es. "Fluch vor allen der Geduld"? Fluch vor allem der Ungeduld. Und ruhige Ostern im Faulbett!

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