Der Kaugummi: alt, gesund, nervig

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16. Januar 2009, 09:29 Uhr

So alt ist er


Studentin findet einen vor 5000 Jahren gekauten Gummi
Es war die Sensation: 2007 hat eine Archäologie-Studentin einen 5000 Jahre alten Kaugummi gefunden. Sie pulte ihn bei Ausgrabungen im Westen Finnlands aus der Erde. Die Entdeckung des abgekauten Gummis aus Birkenharz sei wegen der darauf erhaltenen Zahnabdrücke besonders bedeutsam, erklärte damals Professor Trevor Brown von der Universität Derby in Mittelengland. In Südschweden fanden Archäologen bei der Ausgrabung einer 9000 Jahre alten Siedlung den angeblich ältesten Kaugummi aus Birkenpech. Dieses übel schmeckende Material wurde aber wohl nur gekaut, um es weich zu machen.

Der erste Kaugummifabrikant war der US-Amerikaner John Curtis Jackson. Er verwendete ein indianisches Rezept mit Fichtenharz als Grundstoff. Der ganz große Durchbruch gelang jedoch erst dem New Yorker Erfinder Thomas Adams. Er kam auf die Idee, Latex als Alternative zu den damals beliebten Kauriegeln aus Paraffinwachs auf den Markt zu bringen.
William Wrigley Jr. trat 1890 auf den Plan. Er wurde zum erfolgreichsten Kaugummifabrikanten der Welt. 1892 stellte er „Wrigley’s Spearmint“ und ein Jahr später „Juicy Fruit“ her. Die beiden Sorten avancierten schnell zu den beliebtesten Amerikas.



Das kann er gut


Wach halten, Zahn pflegen, Darm stimulieren: Der Kaugummi als Medizin
„Und nimm den Kaugummi raus“, hören Kinder manchmal ihre Eltern sagen. Weil es in manchen Situationen unhöflich ist, engagiert zu kauen und weil zu viel Kaugummi für die Zähne vielleicht schädlich ist, so die Eltern-Angst. Mitnichten! Etliche Zahnpflege-Kaugummis sind in den vergangenen Jahren auf den Markt gekommen. 2006 wird gar der Kaugummi der Zukunft angekündigt. Ein Kaugummi mit Milchsäurebakterien soll entstehen, hieß es von Forschern des deutschen Chemiekonzerns BASF. Dessen Ziel: Kariesverursachende Bakterien gleich beim Kauen erledigen.

Wissenschaftler der Universität Saragossa haben zudem mit einer Studie belegt, dass das Kaugummikauen die Reaktionsfähigkeit bei müden Autofahrern erhöht und in der Folge das Unfallrisiko sinkt. Das Kaugummikauen kurbelt außerdem nach Darmoperationen die Verdauung wieder an. Das haben 2008 Sanjay Purkayastha und seine Kollegen vom St. Mary’s Hospital in London herausgefunden, als sie 158 Patienten, denen Teile des Darms entfernt worden waren, dreimal am Tag Kaugummi kauen ließen. Verglichen mit Patienten ohne Kaugummi, setzte die Funktion des Darms eindeutig früher wieder ein. Forscher der Universität Lancaster haben überdies herausgefunden, dass das Kaugummiblasen-Machen als komplexe Mundbewegung bei Kleinkindern die Sprachentwicklung fördert.

Spezielle Kaugummis ermöglichen Reisekranken überhaupt das Reisen. Und: der Nikotinkaugummi. Durch die Droge in der Kaumasse löst sich der Raucher allmählich vom Zigaretten-Ritual.



Das bleibt kleben


„Was spuckst du?“: Der Ärger mit den schwarzen Flatschen
Die Bocholter haben ihn witzig verpackt. Ihren Unmut über all die breitgelatschten Kaugummis auf den Pflastersteinen ihrer Stadt. „Was spuckst Du?“, nannten die Nordrhein-Westfalen 2002 eine Initiative gegen schlecht erzogene Kaugummikauer. In der Fußgängerzone stellten damals die Stadtväter „Kaugummibäume“ auf. Statt sie auf den Boden zu werfen, sollten Passanten ihre Kaugummis an deren abgestorbene Äste pappen. Zur selben Zeit rückten die Kollegen der Stadtreinigung mit einem Spezialgerät namens „Gum go“ 45000 schwarzen Flatschen zu Leibe.

Ähnlich amüsant gingen auch die Londoner gegen die Spuck-Sünder vor. 2004 klebten nach einer Schätzung des Stadtteils Westminster 300000 Kaugummis auf der Oxford Street, Londons Haupteinkaufsstraße. Die Stadtverwaltung engagierte deswegen ein Double des glatzköpfigen italienischen Schiedsrichters Pierluigi Collina. Der Mann verteilte zusammen mit einem Fußballteam an jeden eine rote Karte, der beim Ausspucken erwischt wurde.

„Die Beseitigung der Flecken ist einfach zu teuer“, sagt Ullrich Böttner aus dem Sachbereich Straßenreinigung beim Rostocker Amt für Umweltschutz. Die Hansestädter hätten sich wohl auch schon zwei Spezialmaschinen vorführen lassen. Aber es bleibe dabei: „Die großflächige Reinigung ist nicht drin.“

Das sagt auch Hans-Dieter Matlachowski, verantwortlich für die Abfallwirtschaft bei den Stadtwirtschaftlichen Dienstleistungen in Schwerin. An zwei Stellen sei man hier den Flatschen schon mal versuchsweise zu Leibe gerückt: in der Mecklenburgstraße und vorm Schlossparkcenter. „Weil es da besonders schlimm war.“ Eine eigene Maschine für regelmäßige Reinigungen könne man sich aber auch hier nicht anschaffen.

Bußgelder sollen rücksichtslosen Spuckern den Garaus machen. In Deutschland gilt Köln als Vorreiter. Unter dem Motto „Wegwerfen muss wehtun“ muss dort 25 bis 50 Euro zahlen, wer sich seines Kaugummis auf der Straße entledigt. Der Deutsche Städtetag reagierte 2005 positiv auf diesen Vorstoß. Petra Roth (CDU), damalige Präsidentin, befand, dass Kölns Maßnahmen Modellcharakter haben sollten: „Auch mit hohen Bußgeldern können die Städte das Bewusstsein der Bürger für Sauberkeit und Vandalismus schärfen."

In Hamburg sind bis zehn Euro fällig, in Schwerin fünf Euro, und auch in Rostock gäbe die Straßenreinigungssatzung ein Bußgeld her. Aber, so Matlachowski: „Wie soll man das kontrollieren?“



Darauf kauen wir


Heute wird der größte Anteil an Kaugummibasis aus petrochemischen Grundstoffen erzeugt. Er besteht jetzt zu 50 bis 60 Prozent aus Zucker, die Kaumasse aus Kunststoffen, vorwiegend Polyisobutylen (Klebewirkung), der Rest sind Füllstoffe, wie Aluminiumoxid, Kieselsäure oder Zellulose. Ebenfalls enthalten sind Weichmacher, Feuchthaltemittel, Antioxidantien, Aromen, Säuren, Farbstoffe und Emulgatoren.
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