Der Dolch bleibt vorerst stecken

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In welche Richtung führt der neue gemeinsame Weg - Spitzenkandidat Rainer Brüderle (l.) und Parteichef Philipp Rösler müssen offenbar noch überlegen. dpa

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21. Januar 2013, 07:57 Uhr

Berlin | Philipp Rösler genießt den Augenblick. Sein politisches Überleben ist gesichert. Nach dem historischen FDP-Erfolg in Niedersachsen feiert er seinen zweiten Triumph innerhalb von weniger als 24 Stunden. Doppelspitze statt Rücktritt. Dramatik pur im Thomas-Dehler-Haus, der Berliner FDP-Zentrale - und am Ende setzt sich Rösler durch, überlistet seinen ärgsten Kontrahenten, Fraktionschef Rainer Brüderle. In einem stundenlangen Sitzungsmarathon setzt der junge FDP-Chef dem 67-Jährigen die Pistole quasi auf die Brust und zwingt ihn zur Entscheidung. Nicht nur die Spitzenkandidatur zur Bundestagswahl bietet er ihm an, sondern auch den Parteivorsitz. Doch Brüderle zaudert: Er kneift und greift schließlich nicht nach dem FDP-Vorsitz, nur nach der Spitzenkandidatur. Röslers riskanter Coup, Brüderles Patzer - die Liberalen steuern nun mit einem Führungsduo auf den Bundestagswahlkampf zu.

Showdown in der Berliner FDP-Zentrale. Der knallharte Machtpoker bringt alle Zeitpläne durcheinander, so lange dauern die entscheidenden Sitzungen. Manche hatten Brüderle bereits in der Rolle des Königsmörders gesehen, nachdem er auf einen vorgezogenen Parteitag gedrängt hatte, doch der Dolch bleibt in der Tasche. Hinter verschlossenen Türen tagen die Führungsgremien und erst ein Vier-Augen-Gespräch zwischen beiden bringt die Entscheidung.

Als Rösler schon mit der Pressekonferenz beginnen will, lässt ihn Brüderle sogar einige Minuten warten. Der Fraktionschef wirkt zunächst missmutig und angeschlagen. Rösler strahlt und versichert: "Er wird Gesicht und Kopf der Partei sein." Und Brüderle nickt.

Es ist ein bemerkenswerter Schulterschluss, denn ausgeprägt schien das gegenseitige Vertrauen zuletzt nicht zu sein. Dass Brüderle kurz vor der Niedersachsen-Wahl die Debatte um Rösler neu entfacht hatte, indem er schnelle Personalentscheidungen forderte - aus Sicht des Parteichefs ein Affront. In Röslers Umfeld heißt es, der FDP-Chef habe Brüderle bereits am Wahlabend beiseite genommen und das Angebot unterbreitet, Spitzenmann im Wahlkampf zu werden, darauf jedoch keine klare Antwort erhalten. Und doch zeigt sich Brüderle überrascht, als Rösler gestern Vormittag um kurz nach zehn Uhr seinen Vorschlag vom Sonntag erneuert und ihm zusätzlich noch den Parteivorsitz anbietet. "So war das nicht abgesprochen", wird der Fraktionschef danach zitiert. Er habe niemals ein Parteiamt angestrebt. Genau darauf hatte Rösler gesetzt.

Der Putsch gegen den Vorsitzenden, von manchem Liberalen für gestern erhofft, fällt aus und der Vorsitzende nutzt die Gunst der Stunde zum Machterhalt. Einzig Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel begehrt auf und fordert Brüderle im Präsidium auf, FDP-Chef zu werden. Doch damit steht Niebel gestern weitgehend allein. Rückendeckung für Rösler, doch es bleibt ein Grummeln auch bei Führungsmitgliedern. Es sei fraglich, ob die Trendumkehr in den bundespolitischen Umfragen gelingen könne, sagt ein Spitzen-Liberaler. Nicht wenige Führungsmitglieder zweifeln an einem Befreiungsschlag nach dem historischen Wahlergebnis in Niedersachsen: "Seien wir doch mal ehrlich: 80 Prozent Leihstimmen - das wird es bei der Bundestagswahl für uns nicht geben."

Rösler als Gewinner des Tages und Brüderle als derjenige, der sich im entscheidenden Moment nicht traut und den Parteichef stützt statt stürzt. Gemeinsam wollen sie nun versuchen, die FDP bei der Bundestagswahl über die Fünf-Prozent-Hürde zu bringen. Geht das Experiment schief, tragen beide die Verantwortung dafür. Hier Rösler, der kühle Stratege, dort Brüderle als zuspitzender Wahlkampfredner - wer wird den Ton angegeben in diesem Führungsduo? "Sie kriegen zwischen uns keinen Keil", lässt Brüderle gestern alle Fragen nach der neuen Rollenverteilung abtropfen und schiebt nach: "Der Kapitän hat die Binde. Und der Kapitän ist der Parteivorsitzende. Die Sturmspitze ist der Spitzenmann, der vorne die Tore schießen soll. Und das bin ich."

Auch Rösler bleibt beim Fußballbild: "Sie werden noch viele gelungene Doppelpässe zwischen uns sehen." Neue Hoffnungen bei den Liberalen, von der SPD kommt dagegen Spott für das neue FDP-Tandem: "Cäsar und Brutus regieren jetzt gemeinsam."

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