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24. November 2017 | 08:44 Uhr

Der Baum der Erkenntnis

vom

svz.de von
erstellt am 30.Aug.2012 | 07:55 Uhr

Die "Arbeitsgruppe antifaschistischer Fuchsschwanz" hat der Sache einen denkbar schlechten Dienst erwiesen. Nun überlagert bundesweit die Extremismusdebatte das Gedenken, vor allem aber die Auseinandersetzung mit den ausländerfeindlichen Krawallen in Lichtenhagen 1992 und den Konsequenzen daraus.

Entzündet hat sich das alles an einem eben erst gepflanzten kleinen Baum, einer Eiche. Sicherlich haben diejenigen im Rathaus der Stadt, die sich für sie entschieden haben, nicht ausführlich genug nachgedacht. Sicherlich steht die Eiche seit langem für Deutschtümelei, Nationalismus, Chauvinismus. Sicherlich wäre mehr Sensibilität angebracht gewesen.

Aber da stand sie nun einmal - so wenig ideologisch, wie es nur ein junger Baum sein kann. Die Eiche hätte wachsen können, später mal hätten vielleicht Großeltern mit ihren Enkeln unter ihr gespielt, Pärchen sich geküsst, die Arbeiterklasse sich in ihrem Schatten ausgeruht. Auch Sinti und Roma oder Vietnamesen hätten sie vielleicht besucht. Die kleine Eiche hätte zu einem großen Symbol werden können. Einem ganz neuen.

Wie fast alles sind nämlich auch viele Symbole nicht nur für ein tausendjähriges Reich gemacht. Man kann sie sich auch zurückerobern. "Es ist ja nicht wahr, daß jene, die sich ,national nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. Wir sind auch noch da", schreibt der über jeden Verdacht der Deutschtümelei und des Nationalismus erhabene Kurt Tucholsky 1929 in seinem ironisch gemeinten "Deutschland, Deutschland über alles." Und setzt fort, dass ihm jene "umgekehrten Nationalisten" ebenso widerwärtig sind, die "nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle".

Die eine oder andere Frucht vom Baum der Erkenntnis sollte niemandem schaden.

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