Interview : Denis Scheck gibt Rostock gute Kritiken

Was ist lesenswert und was muss weg? – Denis Scheck kennt sich bestens in der literarischen Welt aus und lässt Rostocker teilhaben.
Was ist lesenswert und was muss weg? – Denis Scheck kennt sich bestens in der literarischen Welt aus und lässt Rostocker teilhaben.

Literaturkenner stellt am 15. Januar Druckfrisches zwischen Bestsellern und Banalitäten bei Hugendubel vor

von
04. Januar 2016, 12:00 Uhr

Am 15. Januar startet die Universiätsbuchhandlung Hugendubel mit Denis Scheck ins literarische Veranstaltungsjahr. Der Literaturkritiker spricht dann über aktuelle Bestseller, empfiehlt, sagt aber auch, welche Bücher reine Zeitverschwendung sind. NNN-Redakteurin Nicole Pätzold hat im Interview vorgefühlt.

Sie waren schon zuvor in Rostock. Bekommt die Stadt eine positive Kritik von Ihnen?

Denis Scheck: Unbedingt – das liegt aber mindestens so sehr an Walter Kempowski wie am realen Rostock heute. Manche Orte besuchen wir in unserer Imagination zuerst. Und weil ich Kempowskis Familienromane schon Anfang der 80er-Jahre geliebt habe, konnte ich es kaum erwarten, die Stadt einmal mit eigenen Augen zu sehen. Ich habe in den Buchhandlungen Rostocks, im Literaturhaus und an der Uni einige sehr liebe und engagierte Menschen kennengelernt. Und mit „Albert & Emile“ sogar ein Restaurant entdeckt, das als Ersatzheimat taugt. Bekennender Ostsee-Fan bin ich sowieso – Heiligendamm ist ja nicht weit.
In fünf Worten, womit assoziieren Sie Rostock?
Hafen, Backstein, intelligente Frauen, „Gutmannsdörfer!“, Räucherfisch.
Worauf darf sich Ihr hiesiges Publikum freuen?
Bei 90 000 Neuerscheinungen jedes Jahr allein in Deutschland ist es verflixt schwer, den Überblick zu behalten. Ich werde die für mich bemerkenswertesten aktuellen Bücher und Autoren vorstellen wie etwa Swetlana Alexijewitsch, Jonathan Franzen oder Jenny Erpenbeck, auf spektakuläre Debuts hinweisen, zum Beispiel auf „H wie Habicht“ von Helen Macdonald – und außerdem werde ich natürlich wie immer vor verdammenswerter Schundliteratur und Schrottautoren wie Sebastian Fitzek warnen. Nicht ausgeschlossen, dass es dabei einiges zu lachen gibt.
Ein kleiner Jahresrückblick: Können Sie überschlagen, wie viele Bücher Sie 2015 gelesen haben?
Ich lese so etwa 150 Bücher im Jahr, was angesichts von 90 000 Neuerscheinungen wahrlich nicht so viel ist, wie es auf den ersten Blick scheint.
Wie viele gute davon?
Wie in allen Bereichen der Kunst ist das wirklich Gute sehr rar. Gelungen sind vielleicht 30 oder 40, außergewöhnlich gut eher fünf bis zehn.
Und der Blick ins neue Jahr: Was meinen Sie, was „muss“ man 2016 lesen, was kann man sich getrost schenken?
Ich halte wenig vom Lesen als Zwang – man kann lesend auch ganz prima verblöden, indem man sich immer nur in den Gefilden der eigenen Selbstgewissheiten und sicheren Grundüberzeugungen tummelt. Da hilft es schon mal, einen satirischen Roman wie „Interessengebiet“ von Martin Amis zu lesen, der das Konzentrationslager als Profit-Center beschreibt und von einer Liebe zwischen einem SS-Offizier und der Frau des Lagerkommandanten von Auschwitz erzählt. „Darf man das?“ – fragt man dann in Deutschland gern. Wenn man es kann wie Martin Amis schon.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen