„Demokratie ist sexy“

Als erstes Bundesland hat Mecklenburg-Vorpommern Regionalzentren für demokratische Kultur geschaffen. In Bad Doberan setzen sich 18 Jahre nach der Wende fünf Frauen dafür ein, dass Menschen Vertrauen in die Gesellschaft finden und lernen, sich einzumischen. Bützow ist dabei ein Schwerpunkt.

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29. Februar 2008, 09:51 Uhr

Bützow/Bad Doberan - Der Weg zur demokratischen Kultivierung ist steil. Ein kleines Schild weist den Weg: durch eine Stahltür und 60 Stufen hoch bis unters Dach. In Bad Doberan sitzt das neu gegründete Regionalzentrum in einem Backsteinhaus neben den Busbahnhof. Öffentliche Gesichter haben die Aufklärer nicht, sie wollen nicht Zielscheibe von Extremisten werden. Keine Fotos!
„Demokratie ist sexy.“ Elisabeth Siebert sagt zitierfähige Sätze. Mit vier Kolleginnen bestreitet sie das Regionalzentrum für demokratische Kultur: Heike Habeck, Claudia Schwarz, Cornelia Ebert, Claudia Carla. Politikwissenschaftlerinnen, Pädagoginnen, Moderatorinnen. Siebert gehörte dem mobilen Beratungsteam an, das z.B. bei Problemen mit Rechtsextremismus Hilfestellung gab; nun widmen sie und ihre Kolleginnen sich der Demokratie-Bildung und Frühpädagogik. Die Stellen bezahlen Land, Bund und Europa.
Die Frauen stehen Kommunen, Vereinen, Schulen – jedermann – zur Seite. Zum Beispiel dem Bützower Bündnis für Demokratie und Toleranz, das sich nach der Randale-Nacht vom August 2007 bildete. „Wir betrachten solche Vorfälle als Symptome für demokratische Mängel im Miteinander“, sagt Siebert. Viele Menschen seien leider auch 18 Jahre nach der politschen Wende nicht in der Demokratie angekommen. Betroffen seien viele Felder: Jugendarbeit, Arbeitslosigkeit, Familienleben. „Wir versuchen, Funken zu schlagen“, sagt die Politologin. „Der Plan ist, die Leute zu erreichen“, erklärt Elisabeth Siebert. Menschen müssten davon überzeugt werden, dass sich nur etwas ändert, wenn sie selbst sich einmischen. Parallel berät das Regionalzentrum auch Parteien. Ein Thema: Versprechen und Wirkung. Den derzeit stattfindenden Kampf um die Mitte hält Siebert für verhängnisvoll; stattdessen sei Vielfalt in Parlamenten doch eine Chance.
Kein Schlaraffenland für alleNach der DDR hätten leider viele Menschen geglaubt, die neue Gesellschaftsform sei das Schlaraffenland für alle. Niemand brauche „auf eine hübsche Fee zu warten“, die ihm hilft, so Siebert. „Demokratie ist die Staatsform, in der das Leiden am geringsten ist“, sagt sie.
Die Frauen setzen vor allem auf Kommunikation. Die Mittel sind unterschiedlich: In Bützow berieten sie zunächst das Bündnis für Toleranz, klärten über Symbolik der rechten Szene auf. Das organisierte „Café Vielfalt“ im Gymnasium sorgte für viel Interesse. In Krakow am See habe man geholfen, dass Vereine wieder mehr auf Schulen zugehen. In Laage ist es ein Pastor, den die Frauen unterstützen.
Dass der TSV Bützow Probleme hat, seine Mitglieder zur Unterzeichnung einer Präambel gegen Rechtsextremismus und Gewalt zu überzeugen, sei ein ganz normaler Prozess. Der Erfolg der Aktion: Jetzt gebe es eine Auseinandersetzung.
Viele Menschen hätten sich von der Gesellschaft entfernt, kaum soziale Fähigkeiten; hier setzten die Berater an. So könnten z.B. Familien schon bei der Diskussion über das Essen oder das Fernsehprogramm lernen, wie demokratisch gestritten wird. Siebert: „Das ist Politik. Daran erkannt man, wie schwierig es ist, einen Landkreis zu regieren.“
Das Regionalzentrum für demokatische Kultur in Bad Doberan, Beethovenstraße 19, ist für die Kreise Güstrow und Bad Doberan sowie die Hansestadt zuständig. Kontakt-Telefon: 03 8203/734291.

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