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Dem Anschlag vor der Haustür dank Urlaubsreise entronnen

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erstellt am 16.Apr.2013 | 07:43 Uhr

Wir wohnen ca. einen Kilometer von der Ziellinie des Boston Marathons entfernt. Wir gehen oft auf der Boylston-Street spazieren und kaufen unsere Laufschuhe in jenem kleinen Sportladen, vor dessen Tür die erste Bombe explodiert ist. Ich lebe seit Januar 2007 in Boston und immer, wenn wir Besucher aus Deutschland haben, gehe ich mit ihnen zur gelben Ziellinie, die das ganze Jahr über auf der Boylston Street zu sehen ist, und erzähle stolz, dass hier der älteste Städtemarathon der Welt endet und der Kenianer Geoffrey Mutai genau hier 2011 den schnellsten Marathon der Welt lief (2:03:02 Std.), der jedoch aufgrund des Streckenprofils nicht als Weltrekord anerkannt wird.

Ich habe des Öfteren vom Boston-Marathon berichtet - auch über Mecklenburger Hobbyläufer. Da stand ich häufig im Zielbereich, habe auf die Läufer gewartet und mit ihnen dort gesprochen. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass solch ein Anschlag dort jemals passieren könnte.

Alle anderen großen Marathons der Welt werden sonntags gelaufen. In Boston gibts den Marathon-Monday, immer am dritten Montag im April. In Massachusetts ist dann sogar offizieller Feiertag - Patriots-Day. Das gesamte Wochenende über herrscht bereits eine freudige Atmosphäre in der Stadt. Der Zielbereich wird großräumig für den Verkehr gesperrt, so dass Tausende von Einheimischen, Läufern oder Besuchern die Gelegenheit nutzen, an der Ziellinie Fotos zu machen.

Meine Frau und ich sind derzeit bei ihrer Familie in Nord-Florida, wir haben aber nach den Anschlägen zehn Stunden lang am TV geklebt. Nachdem wir von den Geschehnissen gehört hatten, haben wir sofort Kontakt zu Freunden in Boston aufgenommen. Ein Nachbar erzählte, dass seine schwangere Frau noch zwei Stunden vor der Explosion am Zielbereich stand, wegen eines Arzt-Termins aber gehen musste. Ein Kumpel aus dem Fitness-Studio war kurz nach den Explosionen vor Ort und meinte nur, dass es dort fast wie in einem Film aussah - irgendwie unreal. Leute hätten geschrien und er selbst hätte zunächst gar nicht gewusst, was passiert war, obwohl einige "9/11" riefen.

Und eine Mutter aus der Kindergruppe unseres 20 Monate alten Sohnes hatte sich mit ihrer Tochter kurz vor den Explosionen auf den Heimweg gemacht. Sie waren rund 500 Meter entfernt, als sie die Detonationen hörte. Wir fliegen in einer Woche zurück nach Boston. Ich hoffe, dass unsere wunderschöne Stadt, die für mich längst eine zweite Heimat geworden ist, den Schock überwindet und bald der Alltag wieder einkehrt. US-Präsident Barack Obama hat in seiner Ansprache gesagt, "Boston und seine Einwohner sind stark und unverwüstlich." Recht hat er.

Anschläge: Maisch schockiert

Die ehemalige Rostocker Marathon-Europameisterin Ulrike Maisch hat die Bombenanschläge in Boston mit tiefer Bestürzung zur Kenntnis genommen. „Das Schlimmste ist, dass es ausgerechnet beim Sport passiert ist – bei einer friedlichen Sache, bei der alle Spaß haben wollen“, sagte sie.

„Ich glaube jedoch nicht, dass die Bombenanschläge speziell mit dem Marathon in Verbindung zu setzen sind. Die Attentäter haben wahrscheinlich die große Aufmerksamkeit gesucht, einen Platz, wo viele Menschen dicht zusammen standen. Das macht mich sehr traurig“, so die 36-Jährige.

Maisch hatte bei der Marathon-Europameisterschaft 2006 in Göteborg den Titel gewonnen. Mittlerweile hat die junge Mutter ihre Leistungssport-Karriere beendet.

„Bei mir ist alles gut, ich war schon weg, es ist grauenvoll“

Unter den Läufern des Boston-Marathons waren auch der Software-Entwickler Tobias Klotz (37) aus Lübeck und der Zahnarzt Hanno Höper (52) aus Lensahn (Kreis Ostholstein). Beide sind unverletzt geblieben. „Ich bin bereits eine Stunde vor den Explosionen ins Ziel gekommen“, sagte Tobias Klotz unserer Zeitung. „Im Hotel habe ich dann die Nachrichten gesehen und war schockiert.“ Die Stimmung an der Strecke sei vor dem Anschlag unvergleichlich schön gewesen. „Es war ja auch Patriots Day, da haben die Kinder schulfrei und viele Familien sind gekommen, um die Läufer anzufeuern.“

Tobias Klotz ist auf Dienstreise in den USA. Für die Lübecker Dräger-Werke arbeitet er in Boston an einem Projekt. „Die Gelegenheit habe ich genutzt, um den Marathon mitzulaufen“, sagt der Lübecker, der seit Jahren in der Laufgemeinschaft der Uni Lübeck trainiert.

Nach dem Anschlag informierte Klotz sofort seine Ehefrau und seine Eltern. Für die Freunde schrieb er auf Facebook, dass es ihm gut geht. Richard Mietz, Mitglied der Lübecker Laufgemeinschaft: „Nach dem Zieleinlauf hatte er seine Zeit gepostet, drei Stunden und fünf Minuten. Wenig später war dann zu lesen: ,Bei mir ist alles gut, ich war schon weg, es ist grauenvoll.‘ Da wussten wir noch gar nicht, was er meinte. Im Nachhinein waren wir unendlich erleichtert.“

Von den Ereignissen ist auch der Bützower Lothar Scholz (56) geschockt. Vor zwei Jahren gehörte er selbst zu den Startern in Boston. „Es war ein so tolles Rennen, eine sehr gute Organisation, tausende begeisterte Zuschauer – und überall Sicherheitskräfte. Umso mehr haben mich die Bilder im Fernsehen betroffen gemacht. Zumal zwei Bekannte von mir von Chicago aus nach Boston rüberfliegen wollten. Da ist man mit den Gedanken ständig bei ihnen.“

Zahnarzt Hanno Höper aus Lensahn lief eine halbe Stunde vor den Explosionen ins Ziel. Der Extremsportler, der regelmäßig Ultra-Läufe absolviert, war mit seiner Ehefrau nach Boston geflogen. In seinem Hotel war er gestern nicht zu erreichen – doch Tochter Franziska erhielt glücklicherweise um 21.20 Uhr eine Kurznachricht – bevor erste Berichte über den Anschlag zu lesen waren. „Meine Erleichterung war unendlich groß.“

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