Debatte zwischen Rendite und Schiller

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08. Januar 2009, 07:15 Uhr

Die Wirtschaftskrise lässt Forderungen nach einem Pflichtfach Wirtschaft an Schulen laut werden. Jugendliche wissen zu wenig über ökonomische Zusammenhänge, argumentieren Befürworter. Fächer entziehen sich der Frage nach einem wirtschaftlichen Nutzen, sagen Gegner. Eine Debatte zwischen Cashflow und Schiller. Jan-Hendrik DanyDie Forderung wird seit Jahrzehnten erhoben. Jetzt, da Meldungen über Börsencrashs, Zinssenkungen und Konjunkturprogramme die Schlagzeilen bestimmen, ist sie wieder hoch im Kurs. Ob Bundesverband deutscher Banken, CDU/CSU- und FDP-Politiker oder Hochschulprofessoren: Sie alle argumentieren, dem ungenügenden ökonomischen Wissensstand junger Menschen müsse ein Ende gemacht werden. Anderenfalls blieben die Schüler – und späteren Azubis oder Studenten – für populistische Vereinfachungen der komplexen Materie Volkswirtschaft anfällig.

Bislang werden Lerninhalte zum Thema Wirtschaft an Gymnasien im Fach Politik mitunterrichtet. Und gerade die Politiklehrer sperren sich gegen die Einführung eines separaten Fachs. Sie betrachten Wirtschaftsthemen als ihr angestammtes Terrain und befürchten, Schüler könnten ein zu unkritisches Bild von Sozialer Marktwirtschaft entwickeln.

Die Vorbehalte greifen allerdings wesentlich tiefer und werden bevorzugt unter der Überschrift „Ökonomisierung der Bildung“ zusammengefasst. Die Schulfach-Gegner argumentieren, Schulfächer entzögen sich der Frage nach ihrem unmittelbaren gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Nutzen. Sie dienten in erster Linie der „geistigen und seelischen Erziehung“. Einwände, die letztendlich an unsere Tradition als Kultur- und Bildungsnation anknüpfen. Eine Tradition, die unter anderem auf die Literaten des „Sturm und Drang“ und die Philosophen des 18. Jahrhunderts zurückgeht.

Doch so mancher Anthropologe wähnt seit geraumer Zeit eher den Homo oeconomicus auf dem Vormarsch. Die Bundesrepublik definiere sich spätestens seit dem „Wirtschaftswunder“ der 50er-Jahre vor allem über materielle Kategorien. Und mit ihr die Bevölkerung. Bildung, so die Kritiker, sei längst zu Ausbildung degeneriert. Wissen, um in unserer Gesellschaft funktionieren und sich einen gewissen Lebensstandard leisten zu können.
Doch muss die Einführung eines Schulfachs gleich zu einer Glaubensfrage hochstilisiert werden? Im Grunde genommen, sind doch auch Schüler längst Wirtschaftssubjekte. Sie bekommen Taschengeld, sind begehrte Zielgruppe und, im Zuge eventueller Nebenjobs, mitunter schon Arbeitnehmer. Und sie sollten, gerade im Sinne der Philosophie der Aufklärung nicht gezwungen sein, gesellschaftliche Debatten über Finanzmarktkrise, Cashflow und Renditeziele unmündig über sich ergehen zu lassen. Fast alle Facetten unseres Alltags haben ökonomische Bezüge. Selbst der Zustand der Klassenzimmer. Oder die Tatsache, dass Projektreisen ausfallen müssen , weil Eltern das Geld fehlt.


Kurzum: Auf ein Schulfach Wirtschaft zu verzichten, ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Zwei Wochenstunden zerstören nicht zwingend unsere Bildungsideale. Schließlich gibt es auch Jazzgymnastik- und Hauswirtschaftsunterricht.

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