"DDR war keine Spaßveranstaltung"

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21. Mai 2013, 07:18 Uhr

Mit Hubertus Knabe, Historiker und Leiter der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen sprach Rasmus Buchsteiner über ein Verbot von DDR-Symbolen, Verklärung und Merkels Vergangenheit.

CDU und CSU wollen ein Verbot von Symbolen der früheren DDR und der SED. Ein sinnvoller Vorstoß?

Knabe: Ich denke, ja. Die DDR war keine Spaßveranstaltung. So kommt sie aber rüber, wenn man sich den nachlässigen Umgang mit ihren Symbolen anschaut. Wenn ich fünf Minuten im Halteverbot stehe, kommt sofort das Ordnungsamt und verlangt mindestens 15 Euro. Wenn ich mich in einer Stasi-Uniform vor das Brandenburger Tor stelle, passiert nichts. Da stimmen doch die Gewichtungen nicht.

Sollte es Bußgelder für das Tragen von DDR-Uniformen oder -Fahnen geben?

Ich finde, ja. Für die Opfer der SED-Diktatur ist unser achtloser Umgang mit ihren Symbolen sehr schmerzhaft. Sie haben den Eindruck, von der Gesellschaft allein gelassen zu werden. In anderen ehemaligen Ostblockstaaten sind die Symbole des Kommunismus seit Langem genauso verboten wie des Nationalsozialismus. Wer zum Beispiel in Lettland oder Litauen damit auf der Straße herumläuft, muss mit bis zu 350 Euro Bußgeld rechnen. Nur Deutschland hat eine solche Regelung bisher nicht zustande gebracht.

Wie hat sich der Umgang mit diesen Symbolen verändert?

Ich finde, wir haben zunehmend die Sensibilität dafür verloren, wie man mit einer untergegangenen Diktatur umgehen sollte - und wie nicht. In Berlin werden an jeder Ecke Fahnen und Uniformen der DDR verkauft. An einigen Stellen begegnen sie sogar leibhaftigen DDR-Uniformierten. In einem sogenannten Ostel hängen in den Zimmern Honecker-Porträts. Man stelle sich nur einmal vor, wir würden so mit der Nazi-Zeit umgehen. Das hätte - zu Recht - einen Aufschrei zur Folge.

Gibt es auch eine organisierte DDR-Verklärung?

Leider ja. Es gibt eine ganze Reihe von Organisationen, deren Tätigkeit hauptsächlich darin besteht, die DDR zu verklären. Früher waren hier vor allem ehemalige SED-Funktionäre aktiv, jetzt sind es offenbar auch Jüngere. Wirklich schockierend war ein Aufmarsch am 9. Mai in Berlin, als über 20 Leute in Stasi-, NVA- und Volkspolizei-Uniformen am sowjetischen Ehrenmal paradierten und sogar Waffen bei sich trugen. Ich hoffe, dass dieser Vorfall den Bundestag endlich zum Handeln veranlasst.

Aktuell wird wieder über die DDR-Vergangenheit von Angela Merkel debattiert. Laut einer neuen Biografie soll die heutige Kanzlerin an der Akademie der Wissenschaften in Berlin FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda gewesen sein. Wie bewerten Sie diese Vorwürfe?

Es gibt offenbar keine Unterlagen darüber. Die wurden vermutlich im Zuge der Selbstauflösung der FDJ-Grundorganisationen vernichtet. Allerdings gab es die ihr unterstellte Position ebenso wenig bei der FDJ wie die der Kulturbeauftragten, von der sie selbst spricht. Man kann also derzeit nur spekulieren. Hätte sie sich aber nachhaltig kompromittiert, hätten sich sicherlich schon Zeugen dafür gefunden.

Angepasste Forscherin oder Propagandistin der FDJ - wie würden Sie Merkels damalige Rolle beschreiben?

Nach dem, was man weiß, war sie offenbar eine typische Mitläuferin. Sie wollte als Wissenschaftlerin vorankommen und hat dafür bestimmte politische Funktionen übernommen. Sie ist aber nicht der SED beigetreten, sondern hat sich in weniger indok-trinierten Organisationen wie der FDJ oder der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft betätigt. Ich würde mir wünschen, dass sie ihre damalige Rolle selbst stärker problematisieren würde. Denn bei allem Verständnis für die Zwänge einer Diktatur wollen wir ja die Menschen ermutigen, sich gegen Unrecht aufzulehnen. Wenn sich alle wie sie verhalten hätten, wäre die DDR nie zusammengebrochen.

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