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DDR-Heimkinder gründen erste Interessenvertetung

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erstellt am 14.Nov.2011 | 11:19 Uhr

Schwerin | Eine Interessenvertretrung von DDR-Heimkindern ist am Wochenende in Schwerin gegründet worden. Auf Einladung der Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (LSTU), Marita Pagels-Heineking, waren gut 50 Frauen und Männer zu einer Tagung gekommen, um über Wege zur Aufarbeitung und Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts zu sprechen. Die Landesbehörde betreut gegenwärtig rund 200 Menschen, die mit Einrichtungen der DDR-Jugendhilfe in Konflikt geraten waren. "Viele leiden heute noch an den Folgen ihrer Aufenthalte", sagt Marita Pagels-Heineking. "Wir nehmen ihre Verletzungen wahr, müssen sie stärken und begleiten und unterstützen ihre Forderungen zur Rehabilitation und Wiedergutmachung." Gemäß einem Landtagsbeschluss vom Sommer wird derzeit eine Anlaufstelle für Betroffene in Schwerin vorbereitet. Marita Pagels-Heineking rechnet mit der Öffnung Anfang 2012.

Im Mai 1989 gab es in der damaligen DDR 401 normale Kinderheime mit 22 236 Plätzen, 42 Spezialkinderheime (3757 Plätze) und 31 Jugendwerkhöfe (3336 Plätze). Seinerzeit waren 23 399 Kinder und Jugendliche in den Einrichtungen untergebracht, davon knapp 5500 in Spezialheimen und Jugendwerkhöfen. Insbesondere dort waren nach Erkenntnissen der LSTU rechtsstaatswidrige Einweisungen verbreitet - Einweisungen aus politischen Gründen, um missliebige und aufmüpfige Kinder abzuschieben oder deren Eltern unter Druck zu setzen. Schätzungen zufolge haben 120 000 Kinder und Jugendliche in Spezialkinderheimen und Jugendwerkhöfe durchlaufen.

"Wir wollen unser Schamgefühl ablegen und uns ins Leben zurück leben", sagte Heidemarie Puls, 1. Sprecherin der Interessenvertretung. Sie wurde 1957 in Neukalen geboren, mit 12 kam sie ins Kinderheim, später in den Jugendwerkhof Burg und den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau. Über ihre Leidensgeschichte hat sie das Buch "Schattenkinder hinter Torgauer Mauern" geschrieben. "Ich bin stolz, dass ich in Mecklenburg-Vorpommern lebe, wir sind Vorreiter mit unserer Interessenvertretung", sagte sie. Als deren wichtigste Aufgabe sieht sie die politisch-historische Aufarbeitung des Themas an. "Erst dann kann man über Entschädigung und Rehabilitation reden." Dabei dürfe keine Kluft zwischen Heimkindern Ost und Heimkindern West zugelassen werden.

Berufliche Rehabilitation ist für die ehemaligen Heimkinder wichtig, weil ihnen oft Schul- und Berufsabschlüsse verwehrt blieben, wie Heidemarie Puls darlegt. Schwieriger gestaltet sich auch die politische Rehabilitation. "Akten lesen oder lesen ist Zweierlei", sagt sie mit Blick auf eine juristische Bewertung damaliger Jugendhilfeverfahren. "Die Akten wurden von Tätern geschrieben." Puls strebt für ihre Geschichtsbewältigung eine Täter-Betroffenen-Begegnung an. Im Jugendamt Demmin und dem dortigen Kinderheim arbeiten noch zwei "von damals".

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