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18. Dezember 2017 | 02:30 Uhr

Das Wagnis Unterwelt

vom

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erstellt am 30.Mai.2010 | 09:31 Uhr

Klein Leppin | Projektoren werfen in schneller Folge Bilder der verstorbenen Eurydike an kahle Wände. "Heulend der Höllenhund" singt der stimmgewaltige Chor hinter verschlossenen Fensterluken, die das Sonnenlicht fernhalten. Geigen und Cellos mischen sich unter die Stimmen, schwellen an zu einer Woge, die die Seelen der Zuschauer berührt, sie ergreift und unerbittlich mit hinabzieht durch die geöffneten Tore der Unterwelt. Der Hades liegt in der Prignitz, im idyllischen Dorf Klein Leppin.

Wer will, ja wer kann sich diesem mystischen Sog entziehen? Wer ist nicht gefangen von Roland Schneiders Stimme, der als Countertenor den Orpheus, glänzend interpretiert? Dessen Arien sich stimmlich mit denen Birgit Bocklers zu einem hellen Sopran vereinen, der den Schmerz dieses Paares fast greifbar macht. Wer mag nicht für Minuten das tragische Ende vergessen, wenn Sophia Körber als Amor noch einmal um die Liebe dieses Paares kämpft, bevor sich Luken öffnen, Tageslicht den umgebauten Schweinestall flutet und erst der aufbrandene Applaus die Seelen der Woge entreißt, zurück ins Hier und Jetzt entlässt.

Wenn Mitorganisator und Dirigent Steffen Tast von einem Wagnis spricht, die Oper "Orpheus und Eurydike" in der Fassung von Christoph Willibald Gluck aufzuführen, kann man nur hoffen, dass der Festland e. V. noch oft solche Wagnisse eingeht. In der Tat war es nach der leichten Kost von Mozarts "Zauberflöte" im Vorjahr eine mutige Entscheidung, sich an diese Oper heranzuwagen. Sie ist schwer für den Chor, in dem Laiendarsteller singen. "Extrem schwer für die Solisten", sagt Tast.

Dass es gelang, den jungen Countertenor Roland Schneider aus München zu engagieren, gleicht einem Husarenstück. Freimütig räumt er ein, dass er mehrfach die Mail las, bevor er akzeptierte, dass es offenbar tatsächlich um eine Aufführung in einem ehemaligen Stall ging. "Aber es ist eine meiner Lieblingspartien und das Projekt hier ist so außergewöhnlich, dass ich es unbedingt erleben wollte."

Er packte seine Koffer, kam vor drei Wochen ohne größere Erwartungen in die Prignitz. "Ich hatte wirklich keine Ahnung, aber es war ein liebevoller Empfang, ein unkompliziertes und außergewöhnliches Arbeiten". Die Tragik dieser unbezwingbaren Liebe, die dichte erzählerische Atmosphäre des Stückes ohne Nebenhandlungen machen für ihn den Reiz von Glucks Oper aus.

Eine wahre Herausforderung sei die rund 20-minütige Szene mit Eurydike. "Dieses Zusammenspiel ist so unheimlich schwer, weil wir uns dabei nicht anschauen dürfen", sagt er und beschreibt Birgit Bockler als "eine großartige Spielpartnerin".

Birgit Bockler stand bereits mehrfach in Leppin auf der Bühne, spricht von einer spannenden Vorstellung, die sie dem Publikum geboten hätten. Sie dankt der Regisseurin Mira Ebert und der Familie Tast für die wunderbare Vorbereitung. Über Roland Schneider sagt sie: "Er singt einen wunderbaren Orpheus." Für die ausgebildete Sopranistin war es der erste gemeinsame Auftritt mit einem Countertenor. "Eine wunderbare Erfahrung, wie unsere Stimmen in der gleichen Lage miteinander verschmelzen können", so Birgit Bockler.

Sophia Körber hat anfangs gezögert, den Part des Amors zu übernehmen, mit ihrer Professorin darüber gesprochen. Die junge Pritzwalkerin und Preisträgerin der Lotte-Lehmann Woche studiert im zweiten Semester Gesang an der Hochschule für Musik in Hannover. "Als sie meinte, das würde genau passen, sagte ich zu."

Sie beschreibt Amor als stets optimistisch und friedvoll, als jemand, der Leute zusammenbringen will. "Ja, er scheitert, dennoch verliert er sein Ziel nicht." Es falle ihr leicht, sich mit Amor zu identifizieren. Ich bin sehr emotional gesteuert, kühler Kopf, heißes Herz", sagt die sympathische Sängerin. Der Auftritt hatte für sie aber noch einen ganz anderen Reiz. Birgit Bockler war jahrelang ihre Gesangsleherin gewesen. "Mit ihr hier zusammen zu spielen, ist für mich eine ganz große Ehre."

Im vergangenen Jahr sang Sophia Körber in Klein Leppin die Papagena. Hier aufzutreten sei einfach toll. "Das ist ein Megaevent für alle. Oper muss kein Elitegut sein, sondern kann alle anziehen, wie wir es hier in Leppin erleben." Auch deshalb schließt sie eine erneute Rolle auf der Bühne im Schweinestall nicht aus, verfolgt aber noch andere Träume, wie den von einer Solistenrolle in der Staatsoper Berlin.

Seit der ersten Aufführung "Der Freischütz" begleitet das Rundfunksinfonieorchester Berlin dieses Projekt. In diesem Jahr sind es 23 Musiker, die der Einladung von Steffen Tast gefolgt sind, auf eine Gage verzichten. Tast spielt im Berliner Orchester Geige, in Leppin dirigiert er die Musiker. "Es macht mir und ihnen großen Spaß", sagt er.

Und noch eine kleine Band, leitet Tast in diesem Jahr an: "Die Argonauten". Zusammen mit Kindern baute er in nach deren Ideen Instrumente, produzierte eine CD mit dem Titel "Wer kauft denn sowas". Die Antwort geben die Besucher am Wochenende. Mit Glück sind Restexemplare beim Verein zu bekommen. Nicht zu haben ist hingegen "Orpheus und Eurydike". Wer es verpasst hat, muss bis zum nächsten Jahr warten, wenn es wieder heißt: Ein Dorf macht Oper.

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