Das Single-Leben ist keine Frage des Alters

Warten auf den Richtigen: Nicht jeder entscheidet sich freiwillig für das Leben ohne Partner
Warten auf den Richtigen: Nicht jeder entscheidet sich freiwillig für das Leben ohne Partner

svz.de von
11. Januar 2013, 07:09 Uhr

Anfangs sei es schon eine Umstellung gewesen, sagt die ältere Dame. Als ihr Mann vor einigen Jahren starb, war sie plötzlich allein in ihrer Wohnung. "Ich musste erst einmal mit der Trauer umgehen, aber dann habe ich dafür gesorgt, dass mein Leben weitergeht." Sie bringt sich ein, knüpft und hält Kontakte in der Sportgruppe, beim Seniorenbeirat in der Kirchengemeinde. Inzwischen hat sie sich eine neue Wohnung gesucht. "Ich bin ja noch fit, aber ich wollte etwas Altersgerechtes finden, solange ich mich selbst darum kümmern kann." Sie sei glücklich mit ihrem Leben. Ihren Namen will sie trotzdem nicht in der Zeitung lesen. "Alleine zu leben ist ja nicht ganz ungefährlich.", sagt sie.

Fast 350 000 Menschen leben in Mecklenburg-Vorpommern allein. Auf dem Land und in den Städten nimmt die Zahl der Ein-Personen-Haushalte zu. Quer durch alle Altersgruppen. Die Gründe dafür sind allerdings ganz unterschiedlich. Während junge Menschen ihr Leben ungebunden gestalten wollen, ist es bei Älteren oft der Tod des Partners, der dazu führt, dass sie alleine Leben. Der Trend zum Single-Dasein beeinflusst die Gesellschaft und umgekehrt. Denn gerade für Menschen, die im Berufsleben stehen, gibt es auch wirtschaftliche Faktoren die zu dieser Entscheidung führen. Laut statistischem Bundesamt arbeiten alleinlebende Frauen deutlich häufiger in Führungspositionen, als ihre Geschlechtsgenossinnen im Mehrpersonenhaushalt. Ein Wert der sich in den vergangenen 20 Jahren nach oben entwickelt hat. Ein Indiz dafür, dass Karriere und Familie sich für Frauen nur selten vereinbaren lassen.

Insgesamt entscheiden sich immer mehr Menschen mit hohem Bildungsstand für ein Leben allein. Das sah vor 15 Jahren noch ganz anders aus. Damals herrschte in Single-Haushalten ein deutlich niedrigerer Bildungsstand. Und trotzdem: 30 Prozent der Alleinlebenden seien in Deutschland von Armut bedroht, so das Bundesamt. Das Risiko sei drei mal höher als bei Familien mit Kindern.

Trotzdem entscheiden sich auch Arbeitslose und Aufstocker für ein Leben im Einzelhaushalt. Denn wer als Hartz-IV-Empfänger in einer so genannten Bedarfsgemeinschaft lebt erhält weniger Geld vom Staat. "Das kann vor allem dann zur Problematik werden, wenn einer der beiden Partner ein eigenes Einkommen hat", erklärt Andreas Wegner, Geschäftsführer des Jobcenters Neubrandenburg. Dann könnte der arbeitslose Partner seine Ansprüche auf Hartz-IV vollständig verlieren. Ein Grund, warum auch Paare sich gegen ein gemeinsames Zuhause entscheiden .

In der Wohnungsbranche selbst bekommt man den Single-Trend ebenfalls zu spüren. "Die Nachfrage von Alleinlebenden ist exorbitant", sagt René Gansewig von der Wohnungsbaugenossenschaft Neubrandenburg. Für die Branche ist das allerdings ein Trostpflaster für die demographische Entwicklung. Denn gleichzeitig steigen die Ansprüche der potentiellen Mieter. Die klassische Drei-Zimmer-Wohnung mit knapp 60 Quadratmetern ist auch bei Alleinstehenden gefragt. "Das kompensiert ein Stück weit das Schrumpfen der Bevölkerung", so Gansewig. Ältere würden ohnehin selten umziehen, auch wenn die Kinder aus dem Haus sind oder der Partner stirbt. "Es gibt im Land allgemein eine hohe Wohnungstreue."

Auch andere Wirtschaftszweige machen sich zunehmend Gedanken um Alleinstehende. Von den Verpackungsgrößen im Supermarkt bis zum wachsenden Angebot an Kleinwagen. Die Unternehmen stellen sich auf die veränderten Lebensbedingungen ein. Im Tourismus allerdings merkt man bisher nicht viel von dieser Entwicklung. "Nur wenige Menschen reisen alleine", sagt Tobias Woitendorf vom Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern. Angebote speziell für Singles seien deshalb Magelware. "Wer alleine lebt, der sucht sich für den Urlaub häufig Mitreisende", erklärt Woitendorf. Junge Leute aber auch Senioren würden vielleicht ohne Partner, dann aber mit Freunden und Bekannten reisen.

Im Alter sind es meist Frauen, die allein leben. Dafür sorgt die unterschiedliche Lebenserwartung der Geschlechter, "Die Männer haben in den letzten Jahren ein ganzes Stück aufgeholt. Aber es sind statistisch immer noch vier bis fünf Jahre Unterschied", erklärt Professor Roland Rau vom Institut für Soziologie und Demographie an der Universität Rostock. Das hätte auch damit zu tun, dass körperliche Über-Belastungen in klassischen Männerberufen zurück gehen.

Warum Männer dennoch früher sterben, dafür gäbe es eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Ansätzen, so der Experte. "Zum Beispiel rauchen Männer häufiger und gehen im Schnitt seltener zum Arzt." Solche sozialen Faktoren wären allerdings nur ein Teil der Erklärung. "Das Testosteron ist mit Sicherheit ein Faktor", sagt Rau. Gerade in jungen Jahren neigten Männer stärker zum Risiko. Das zeige sich auch in der Statistik der Verkehrstoten in Deutschland. Gerade bei den Fahranfängern seien es häufiger Männer, die durch überhöhte Geschwindigkeit oder Alkohol am Steuer ihr Leben verlieren.

Doch Roland Rau hat auch eine gute Nachricht: "Dass wir immer älter werden, heißt nicht das wir jahrelang in Krankheit und Gebrechen leben. Wir gewinnen vor allem gesunde Jahre mit dem Partner, der Familie und Freunden."

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