Interview : „Das ist totaler Mist und nicht zumutbar“

Hamburgs Sozialsenator Detlef Scheele (SPD)
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Hamburgs Sozialsenator Detlef Scheele (SPD)

Die Stadt Hamburg hat Mühe, Flüchtlinge unterzubringen. Warum die Anwendung des Königsteiner Schlüssels auch auf minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge für die Hansestadt eine große Hilfe ist, erklärt Hamburgs Sozialsenator Detlef Scheele (SPD).

Vor einem Jahr haben Sie gesagt, Sie stünden wegen der vielen nach Hamburg kommenden Flüchtlinge mit dem Rücken an der Wand – und zwar „fest angelehnt“. Wie würden Sie die Lage jetzt beschreiben?
Scheele: Ich räume ein, dass ich damals nicht gedacht habe, dass dieses Jahr so schwer wird…

Sie meinen, weil im ersten Halbjahr mit mehr als 12 000 schon so viele Flüchtlinge gekommen sind wie im gesamten Jahr 2014 und allein im Juli möglicherweise noch einmal bis zu 5000 hinzukommen?
Es ist sehr, sehr schwer, aber ich bin sicher, dass wir alle Menschen, die Schutz vor Verfolgung suchen, hier unterbringen werden. Dass Flüchtlinge in der Erstaufnahme teilweise in Zelten schlafen müssen, ist unbefriedigend. Spätestens bis zum Winter müssen die Zelte durch feste Unterkünfte ersetzt werden. Wir suchen deshalb schon jetzt größere Flächen am Stadtrand, um dort Einrichtungen für bis zu 3000 Menschen zu bauen.

In den vornehmen Stadtteilen Harvestehude und Blankenese gibt es Proteste gegen die Unterbringung von Flüchtlingen.
Wir haben derzeit 86 Standorte und wir haben rund um die bestehenden Standorte keine Proteste, egal wo sie sind. Wir haben nur Proteste, wo es gar keine Flüchtlinge gibt. Dort glauben manche zu wissen, wie es wird, wenn Flüchtlinge da wären. Die haben eine Konjunktiv-Befürchtung.

Warum bauen sie nicht Häuser, statt auf Container zu setzen?
Wir bauen ja und betreiben seit einigen Jahren ein rekordverdächtiges Wohnungsbauprogramm. In meinem Fokus stehen derzeit aber vor allem Hamburgs Wohnungslose, um sie aus ihren prekären Wohnsituationen oder Hotel-Unterbringungen herauszuholen.

Nach einem Hilferuf Hamburgs gilt von Januar an auch für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge der Königsteiner Schlüssel.
Das ist wirklich eine große Erleichterung, wenn nicht mehr alle in Hamburg ankommenden unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in der Hansestadt bleiben. Denn wenn wir ehrlich sind, einen guten Jugendhilfestandard können wir schon lange nicht mehr bieten. Denn das wären Einzel- oder Zweibettzimmer und ein hoher Betreuungsschlüssel. Vor wenigen Tagen habe ich eine unserer Einrichtungen besichtigt mit 130 Kindern in Zehnbettzimmern. Das ist totaler Mist und auf Dauer nicht vertretbar

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