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23. November 2017 | 16:13 Uhr

"Das ist eine Klatsche für die Demokratie"

vom

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erstellt am 05.Feb.2012 | 10:54 Uhr

Stadtmitte | Am Tag der OB-Wahl weht die Deutschland-Flagge über dem Rostocker Rathaus. Hier treffen sie alle aufeinander - die Kandidaten im Wettbewerb um die Wählergunst. Hier hält der wiedergewählte Roland Methling (parteilos) seine Dankesrede, nachdem das vorläufige Endergebnis vorliegt. Und hier werten die Verlierer des Abends ihre Niederlage aus. Erschreckend für alle: Nur etwa ein Drittel der Wahlberechtigten hat von seinem Stimmrecht Gebrauch gemacht. Viele der Anwesenden haben eine Stichwahl für realistisch gehalten. Nun ist Methling gleich im ersten Wahlgang im Amt bestätigt worden. Die Mitglieder der Bürgerschaft hoffen, dass sich das Verhältnis zwischen Kommunalpolitik und Verwaltungschef in Methlings zweiter Amtszeit verbessert.

Dr. Ait Stapelfeld (SPD)

Dr. Ait Stapelfeld wirkt kurz vor 18 Uhr gelöst. Er hat sich schon am Nachmittag des Wahltages aufs Glatteis begeben - beim Schlittschuhlaufen mit der Familie. Als gegen 18.25 Uhr die ersten Zahlen auf der Leinwand in der SPD-Geschäftsstelle auftauchen, verstummt sogar die Musik des Jazzduos. Es wird leise geflucht, dann heißt es: "Abwarten und Bier trinken." Mit einem Durchmarsch des Amtsinhabers hat keiner gerechnet. "Wenigstens Stichwahl", so lautet auch das Ziel der SPD.

Deren Kandidat lässt sich äußerlich nichts anmerken, scherzt mit seinen Unterstützern. Sein erster Wahlkampf werde ihm positiv in Erinnerung bleiben, sagt Ait Stapelfeld. Als politischer Neuling war der Chef des Finanzamtes gestartet. Und dorthin geht er auch zurück - wenn auch nicht gleich am Montag nach der Wahl. Politisch aktiv bleiben will er auf jeden Fall. Ob er in sieben Jahren nochmal gegen Methling antreten würde? "Wer weiß."

"Er wäre der perfekte Kandidat gewesen, hätte hervorragend vermitteln und alle Bereiche der Bürgerschaft integrieren können", sagt Kreisvorsitzende Dr. Ingrid Bacher bedauernd. Ait Stapelfeld muss weiter, soll um 19.30 Uhr im Rathaus sein. Als er zum letzten Mal einen Blick auf die Leinwand in der Geschäftsstelle wirft, ist er Zweiter. Dass er sogar alte Politik-Hasen wie Bürgerschaftspräsidentin Karina Jens überholt hat, freut den SPD-Kandidaten. Auch wenn der zweite Platz der undankbarste ist.

Kerstin Liebich (Linke)

Kerstin Liebich nimmt ihre 13,8 Prozent sportlich. "Ich gratuliere dem Gewinner", sagt sie, wird aber gleich ernst: "Der große Verlierer ist heute die Demokratie." Denn die Wahlbeteiligung ist Kerstin Liebich wie allen anderen Herausforderern das Haar in der Suppe. "Das sollte sich der zukünftige OB zu Herzen nehmen."

Die Linke-Bürgerschaftsfraktion hat ihre Konsequenzen daraus schon gezogen. Die Bürgersprechstunden sollen ausgebaut werden, erklärt Fraktionsvorsitzende Eva-Maria Kröger. Und noch eins ist ihr wichtig: "Die Beziehung zwischen Bürgerschaft und Oberbürgermeister muss sich dringend verbessern." Während die Fraktionschefin und Prof. Wolfgang Methling, Kreisvorsitzender der Linken, noch die Wahlergebnisse studieren, schaut Kerstin Liebich nach vorn. Im Wahlkampf, berichtet die 40-Jährige mit leuchtenden Augen, hat sie die Menschen in Rostock wieder neu kennengelernt: "Ich freue mich auf die weitere politische Arbeit in dieser Stadt." Die Zurückgekehrte will aus ihrer neuen-alten Heimat nicht mehr weg. In den Bereichen Jugend, Kultur und Soziales sieht sie künftige Herausforderungen. "Da liegt einiges brach", kritisiert Kerstin Liebich.

Karina Jens (CDU)

In einem Restaurant gegenüber dem Rathaus verbreitet sich das Ergebnis der ersten Hochrechnung leise: "Schon gehört? Methling bei mehr als 50 Prozent." Betretene Minen bei der CDU. Die Parteimitglieder versammeln sich bei Bier und Büfett zur Wahlparty. Doch Feierstimmung will nicht so recht aufkommen - denn die Werte für die Kandidatin Karina Jens liegen zu Beginn der Auszählung bei gerade mal sechs Prozent. Der Kreisvorsitzende der Christdemokraten, Dr. Jörn-Christoph Jansen, ist erschüttert - von dem sich abzeichnenden Ergebnis und der geringen Wahlbeteiligung. "Wir hatten fest mit einer Stichwahl gerechnet", sagt er. Als Methlings Ergebnis plötzlich von 59 auf 55 Prozent fällt, flackert die Hoffnung noch einmal kurz auf, dass es doch noch ein Duell geben könnte. Doch wenig später steht fest: Daraus wird nichts mehr. Die Kandidatin kommt trotzdem mit einem Lächeln ins Restaurant: "Jetzt macht nicht solche Gesichter", sagt sie zu ihren Parteifreunden. Das Ergebnis müsse wohl oder übel akzeptiert werden. "Jetzt heißt es dennoch, mit allen demokratischen Kräften in der Bürgerschaft und dem Amtsinhaber gemeinsam einen neuen Weg zu finden." Das der nötig sei, sei in den vergangenen Wochen mehr als klar geworden. "Und dafür stehe ich auch als Präsidentin der Bürgerschaft", so Karina Jens.

Christian Blauel (Grüne)

Schon bald nach den ersten Hochrechnungen kehrt Ernüchterung bei den Grünen im Haus Böll in der Östlichen Altstadt ein. Christine Decker, Mitglied im Kreisvorstand der Grünen, spricht vielen aus dem Herzen: "Na, dann legen wir doch wenigstens etwas Musik für die Stimmung auf." Mit dem Ergebnis können sie nicht glücklich sein, der Kandidat Christian Blauel sieht es aber nicht als große Niederlage: "Natürlich haben wir unser Wahlziel nicht erreicht, aber in Relation zu den anderen Kandidaten können wir nicht unzufrieden sein. Im Moment bin ich etwas ratlos." So schwenkt das Gespräch unter den Parteifreunden auch schon früh vom Wahlergebnis auf Christian Blauels selbstgemachten Kürbissalat um.

Zur Bekanntgabe des Endergebnisses geht Christian Blauel ins Rathaus. Bei 36,6 Prozent Wahlbeteiligung kann der Architekt nur den Kopf schütteln: "Katastrophal, das ist eine Klatsche für die Demokratie." Woran es gelegen hat, müssten nun Analysen zeigen. Die Grünen, da ist er sich sicher, haben alles getan, was mit der zur Verfügung stehenden Manpower und Finanzkraft im Wahlkampf möglich war. Dem wiedergewählten OB legt er nahe: "Er muss lernen, dass er Mehrheiten zu organisieren hat."

Dr. Sybille Bachmann (Rostocker Bund)

Tief enttäuscht nach den ersten Hochrechnungen erscheint Dr. Sybille Bachmann im Rathaus-Foyer. Bis sämtliche Stimmen ausgezählt sind, hofft sie noch auf eine Stichwahl - vergebens. Kopfschütteln ist die Folge: "An diesem Abend hat die Demokratie verloren - 65 Prozent sind nicht zur Wahl gegangen." Der neue, alte Oberbürgermeister habe nun nicht einmal 20 Prozent der Rostocker hinter sich. "Ich habe ihm bei der Gratulation mit auf den Weg gegeben, jetzt nicht übermütig zu werden - wie schon 2005. Aber da hat es schon nichts geholfen und jetzt befürchte ich, dass es noch schlimmer wird", sagt Sybille Bachmann.

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