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Das erste Tor, Kaiser Franz und ein Jägermeister

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erstellt am 24.Aug.2012 | 12:14 Uhr

Schwerin | 24. August 2012. Heute startet die Fußball-Bundesliga in ihre Jubiläumsspielzeit. Double-Gewinner Borussia Dortmund darf die 50. um 20.30 Uhr mit dem Heimspiel gegen Werder Bremen eröffnen.

24. August 1963, 17 Uhr: Es ist ein Sonnabend, der Beginn der Bundesliga. Es sollte zugleich die Geburtsstunde einer gigantischen wie ganz offensichtlich krisenfesten Gelddruckmaschine werden.

Auf den Tag genau vor 49 Jahren trafen die Schwarz-Gelben am 1. Spieltag auf die Truppe von der Weser - allerdings in Bremen. Nach 58 Sekunden fiel hier denn auch das erste Bundesliga-Tor durch Timo Konietzka. Nationalmannschaftsverteidiger Max Lorenz, bis heute mit HSV-Idol Uwe Seeler dick befreundet, konnte den Borussen-Stürmer nicht am erfolgreichen Torschuss hindern. Konietzka, der sich am 12. März dieses Jahres als schwer Krebskranker im Alter von 73 Jahren mithilfe einer Schweizer Sterbehilfeorganisation das Leben nahm, traf zum Auftakt in der 90. Minute noch ein zweites Mal. Dazwischen hatte der SV Werder allerdings dreimal zugeschlagen. Somit ging der letzte Vor-Bundesliga-Meister Dortmund mit einer Niederlage in die neue Ära.

Eine Ära, von der damals keiner auch nur einen Schimmer hatte, was aus dem Kind Bundesliga einmal werden sollte. So betrug der Gesamt-Etat der 16 Gründungs-Klubs 25 Millionen D-Mark. 49 Jahre später erreicht der Umsatz der 18er Liga satte zwei Milliarden Euro! Der neue TV-Vertrag, der ab 2013/14 greift, spült den Profi-Klubs dann 560 statt der bisherigen 430 Millionen Euro in die Kassen - pro Saison. Am Ende des Vierjahres-Kontraktes wächst die Summe bis auf 673 "Mille". Zum Vergleich: Der erste TV-Vertrag in der Spielzeit 65/66 war der ARD 125 000 DM wert. Und ein Ende des des Mammons ist nicht in Sicht…

1963 war die Welt noch "in Ordnung". Die Vereine mussten etwa die Spielergehälter vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) genehmigen lassen. Waren es 500 DM pro Monat vor Bundesliga-Einführung , so stieg der Betrag dann auf 1200. Heute verdienen die Schweinsteiger & Co. bis zum Tausendfachen. Doch Uwe Seeler ist nicht neidisch: "Sie wären ja schön dumm, wenn sie nicht das nehmen, was ihnen angeboten wird. Allerdings ist es nicht unbedingt von Vorteil, wenn schon 19-Jährige Millionäre sind", sagte der DFB-Ehrenspielführer einmal im Gespräch mit dem Autor.

Tasmania 1900 zwangsverpflichtet

Bereits ab Sommer 1965 wuchs die Bundesliga auf die auch heute praktizierte Sollstärke von 18 Mannschaften. Lediglich 1991/92, als mit Hansa Rostock und Dynamo Dresden im Zuge der deutschen Sport-Einheit zwei Teams aus "Neufünfland" eingegliedert wurden, waren es einmalig 20 Vertretungen. 1965 kam es zum Politikum. Tasmania Berlin wurde vom DFB quasi zur Bundesliga verdonnert, weil Hertha BSC wegen eines Bestechungsskandals disqualifiziert worden war. Für die Hertha sollte in den Hochzeiten des Kalten Krieges aber unbedingt ein Westberliner Verein nachrücken. Während UdSSR und DDR auf dem besonderen Vier-Mächte-Status pochten und immer davon sprachen, "dass Westberlin kein Bestandteil der BRD ist" , unternahm man westlich der Elbe alles, um das Gegenteil zu demonstrieren. Und so musste Tasmania 1900 ran. Es war ein trauriges Los. Mit 15:108 Toren und 8:60 Punkten stellte man einen noch immer gültigen Negativrekord auf.

Franz Beckenbauer und der Boulevard

Rekordmeister FC Bayern kam 1965 hinzu mit einem damals erst 20-jährigen Eigengewächs: Franz Beckenbauer. Er ist nicht nur sozusagen ein Kind der Bundesliga, sondern auch eines des Fernsehens und seiner neuen Sportsendungen. Die ARD-Sportschau lieferte zusammen mit dem "Aktuellen Sportstudio", das seit dem 24. August 1963 am Samstagabend im ZDF läuft, regelmäßig die Bundesliga-Bilder. Ja, heutzutage kennt man im Sportstudio kaum noch was anderes als Fußball.

So richtig ins Rollen kam die Marke "Franz" nach der WM 1966, als Bayern-Manager Robert Schwan dessen Berater wurde. Bald hatte Beckenbauer seinen ersten TV-Werbespot, wie er Suppen gestärkt einen scharfen Schuss abfeuert und verkündet: "Kraft in den Teller, Knorr auf den Tisch…" Schwan hatte ein Honorar von 12 000 DM ausgehandelt, der DFB hatte für die Nationalspieler einen Haarpflegespot von lediglich 1000 DM vermittelt. Noch im November 1966 wurde der Franz zum Schlagersänger ("Gute Freunde kann niemand trennen"). Die Gage dafür betrug garantierte 100 000 DM. Selbst Beckenbauers Hochzeit mit Brigitte Schiller wurde vermarket. Der Fußball war endgültig im Boulevard angekommen. Beckenbauer als Marke und Popstar, dessen Privatleben mindestens ebenso interessant wurde wie sein Fußballspiel. Und 1969 nach dem Pokalfinale gegen Schalke, das die Bayern mit 2:1 gewannen, schrieben der Münchner Merkur und die Süddeutsche unabhängig voneinander erstmals gar vom Kaiser Franz.

Ein Mythos ward geboren…

1973 - Braunschweig als erster Trikotsponsor

Die Bundesliga wuchs und wuchs - jedoch immer noch mit blanker Brust. Bis 1973 der damalige Braunschweiger Präsident Günter Mast seine Eintracht als erste deutsche Elf mit Trikotwerbung auflaufen ließ. Auf den Hemden prangte das Logo des Kräuterlikörs Jägermeister. Allerdings musste ein Trick her, denn es galt immer noch ein DFB-Verbot, so dass man kurzerhand das Firmenlogo des Sponsors als Vereinswappen übernahm und damit alles "legal" war. Ja, Mast wollte die Eintracht gar in "SV Jägermeister" umbenennen, scheiterte damit aber.

Die Bundesliga erlebte in 49 Jahren auch immer wieder ihre Skandale. So überraschte der Vereinspräsident von Kickers Offenbach, Südfrüchtehändler Horst-Gregorio Canellas, bei der Feier zu seinem 50. Geburtstag am 6. Juni 1971 die Gäste mit dem Abspielen eines Tonbandgerätes. Die Mitschnitte verschiedener Telefonate offenbarten Spielmanipulationen und Schmiergeldzahlungen. Insgesamt wurden in der Folge durch den DFB 52 Aktive - darunter die Nationalspieler "Stan" Libuda, Klaus Fischer und Klaus Fichtel -, zwei Trainer sowie sechs Vereinsfunktionäre bestraft. Auch Canellas, weil er am Telefon zum Schein auf die Bestechungsangebote eingegangen war. Es wurden 1,1 Millionen D-Mark an Schmiergeldzahlungen aufgedeckt, Arminia Bielefeld und Kickers Offenbach die Bundesligalizenz entzogen.

Dass der Skandal völlig aufgeklärt wurde, "erscheint auch heute nicht nur wegen späterer Andeutungen des 1999 verstorbenen Canellas fraglich. Möglicherweise verhinderten auch Sorgen um die damals bevorstehenden Großereignisse Olympia 1972 in München sowie die 1974 in Deutschland ausgetragene Fußball-WM weitere Ermittlungserfolge", schrieb der "Spiegel" 2005.

In jenem Jahr, als der Hoyzer-Skandal hochkam. Schiedsrichter Robert Hoyzer manipulierte gegen Sach- sowie Geldzuwendungen durch die Wettmafia den Ausgang von ihm geleiteter Fußballspiele, darunter die Pokalpartie Paderborn - HSV (4:2) im Herbst 2004. Die Bundesliga litt nicht allzu lange darunter, das WM-Sommermärchen 2006 sorgte für einen Hype sondergleichen.

Und die Liga boomt und boomt. Man setzt auf eine neue Zuschauer-Bestmarke (2011/12 mit 44 293 im Schnitt). Die Bayern rüsteten ihren Kader mit 27 Millionen Euro auf. Schießt also Geld Tore? Sprich, holen die Roten von der Isar ihren 22. Bundesligatitel? Oder kann der BVB sein nationales Triple feiern? Welche Weisheiten werden Uwe Seeler oder Kaiser Franz demnächst zum Besten geben? Fragen über Fragen zum Start in die Jubiläumssaison. Die Stammtische sind eröffnet.

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