Das berühmte Wrack von Giglio

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11. Januar 2013, 09:55 Uhr

Giglio | Vor einem Jahr lief die "Costa Concordia" vor der Küste der Toskana auf Grund. Die Bewohner der Insel Giglio eilten den Opfern zu Hilfe, seither warten sie auf den Abtransport des Wracks. Der wird sich aber weiter verzögern.

Elisabeth Nanni blickt aus dem Fenster ihrer Wohnung. Die Leiterin des Tourismusbüros der Insel Giglio lebt in der hoch gelegenen Burg im Ort Castello, von der man einen atemberaubenden Blick auf das Meer hat. Seit einem Jahr liegt dort unten das gekippte Wrack der "Costa Concordia". Aus der Ferne ist es klein und sieht beinahe harmlos aus, als schmiege es sich an die Felsen vor dem kleinen Hafen.

Doch der Jahrestag des Unglücks bringt die dramatischen Geschehnisse aus der Nacht des 13. Januar vor der toskanischen Küste wieder in Erinnerung. Auch Nanni eilte damals den 4229 schiffbrüchigen Passagieren zu Hilfe, die sich auf Schlauchbooten in den nah gelegenen Hafen zu retten versuchten, 32 Menschen kamen ums Leben, darunter zwölf Deutsche. "Auch unser Leben auf der Insel hat sich von einem auf den anderen Tag verändert", sagt Nanni. Aber seit die Rettungsarbeiten Wochen nach der Katastrophe abgeschlossen waren, sind die Insulaner vor allem mit Warten beschäftigt, Warten auf den Abtransport des Wracks.

Erst hieß es, das riesige Kreuzfahrtschiff, dessen Leergewicht 100 Flugzeugen vom Typ Boeing 747 entspricht, würde noch im Lauf des Jahres abgeschleppt. Später war dieses Frühjahr angepeilt und nun wurde bekannt, dass auch die zweite Tourismus-Saison ins Land gehen wird, ehe das 280 Meter lange Wrack in einen italienischen Hafen transportiert werden kann. Zu groß ist das Schiff, zu unkalkulierbar sind die Bergungsarbeiten. Nie zuvor musste ein Kreuzfahrtschiff dieser Dimensionen geborgen werden. 400 Menschen der Spezialfirmen Titan und Micoperi sind rund um die Uhr im Einsatz, sie bereiten das Aufrichten der "Costa Concordia" vor, bevor sie eines Tages abgeschleppt werden kann. Nun heißt es, die Ingenieure hätten Schwierigkeiten mit der Verankerung von Pfählen im Meeresboden, die für das Aufrichten des Wracks notwendig sind. Die "Costa Concordia" ist auch ein Jahr nach der Katastrophe immer noch eine Rechnung mit vielen Unbekannten.

An diesem Sonntag begeht die Insel Giglio den Jahrestag des Unglücks. Vertreter der Behörden und des Zivilschutzes werden anreisen, etwa 200 Journalisten aus aller Welt sind erwartet. Der Bischof von Orbetello wird in der engen Kirche des Hafendorfs eine Messe im Andenken an die 32 Todesopfer der Tragödie lesen, es ist dieselbe Kirche, in der in der kalten Januarnacht hunderte Schiffbrüchige Zuflucht fanden. Später soll am Hafen eine Gedenktafel für die Opfer angebracht werden. Die Helfer aus der Unglücksnacht werden geehrt. Um 21.45 Uhr, dem Zeitpunkt, als Kapitän Francesco Schettino die "Costa Concordia" fahrlässig gegen einen Felsen vor Giglio steuerte, halten die Insulaner eine Schweigeminute ab, der erst die Hupen der Schiffe im Hafen ein Ende setzen.

Zuvor will Mario Pellegrini einen Tauchgang unternehmen. Er ist stellvertretender Bürgermeister von Giglio und war einer der Letzten, die nach dem Schiffbruch von Bord gingen. Kapitän Schettino hatte sich schon auf und davon gemacht, als Pellegrini sich zu dem sinkenden Schiff begab, um den Passagieren zu helfen. Am Sonntag will der Retter mit Mitgliedern der Küstenwache die Felsbrocken, die den Rumpf der "Costa Concordia" auf 70 Metern aufschlitzten, wieder an ihren Ursprungsort zurückbringen. Dazu werden die Taucher mit einem Boot zu den südlich von Giglio gelegenen "Scole"-Felsen fahren und dort das Gestein ins Wasser lassen. Es ist der Versuch, eine Wunde zu schließen.

Als in der Unglücksnacht die letzten Passagiere gegen fünf Uhr früh die "Costa Concordia" verließen, dachte Pellegrini: "Jetzt haben wir es geschafft." Damals ahnte er nicht, was für Folgen der Schiffbruch für die Insel haben sollte. "Eigentlich ging es danach erst los", erinnert sich der Vizebürgermeister. Die Rettungskräfte lebten wochenlang mit der Bevölkerung, Journalisten aus der ganzen Welt interessierten sich plötzlich für das kleine Eiland vor der toskanischen Küste. Die Insel, lange nur ein Geheimtipp, war den Dimensionen der Katastrophe nicht gewachsen. Obwohl bis heute die Wasseranalysen beruhigend sind und keine Verschmutzung ergeben, brach der Bade-Tourismus ein. Von ihm ist die Bevölkerung abhängig, vor allem die abgelegeneren Orte Castello und Campese beklagen Einbußen, Pellegrini schätzt sie auf bis zu 40 Prozent.

Auch im Hafenort Giglio hat sich das Bild geändert. Statt der Gäste, die ein paar Wochen blieben, fallen nun seit einem Jahr die Schaulustigen über die Insel her. Die meisten setzen mit der Fähre von Porto Santo Stefano über, bleiben ein paar Stunden, schießen ihre Fotos und reisen wieder ab. Durchschnittlich bis zu 2000 Besucher mehr am Tag hat die Verwaltung gezählt, vor allem die Lokale und Restaurants im Hafen profitieren von dem Ansturm, der auch im kommenden Jahr nicht abnehmen wird.

Kürzlich übertrieben es fünf Touristen aus Deutschland mit ihrer Sensationslust. Die Gruppe, darunter zwei Kinder, hatte sich ein Schlauchboot gemietet, um möglichst nahe an das Wrack heranzukommen. Auf dem etwa 16 Kilometer langen Rückweg nach Porto Santo Stefano wurden die Deutschen von einem Wetterumschwung überrascht und konnten von der italienischen Küstenwache gerettet werden. "Wir haben ihnen gesagt, dass sie das nie wieder tun sollen", sagte ein Sprecher der Küstenwache.

Auf dem Festland ist die Justiz weiter mit dem Fall beschäftigt. Kapitän Schettino drohen bis zu 20 Jahren Haft wegen fahrlässiger Tötung, Verursachung eines Schiffbruchs und Verlassen des Schiffs. Noch ist unklar, wann der Strafprozess gegen ihn und weitere Verantwortliche in Grosseto beginnen kann. Die bisherigen Anhörungen haben die Einschätzung der Ermittler nicht ändern können. Staatsanwalt Francesco Verusio behauptete nun, der Kapitän habe das Kreuzfahrtschiff leichtsinnig "wie ein Schlauchboot" gesteuert.

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