Dresden : Bus-Tragödie auf der A4

Die  Überreste  des  Kleinbusses:  Acht  seiner  neun  Insassen hatten  keine  Überlebenschance
Die Überreste des Kleinbusses: Acht seiner neun Insassen hatten keine Überlebenschance

Für zehn Menschen wird die Reise in die polnische Heimat oder in die Ferne zur Fahrt in den Tod

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20. Juli 2014, 20:01 Uhr

Zwischen Fahrzeugtrümmern liegen ein Domino-Spiel, ein Mini-Polizeiauto, Legosteine: „Das sind wohl Mitbringsel für die Familie“, sagt Polizeihauptmeister Sven Korzus. Sonnabend früh, wenige Stunden nach dem schweren Busunglück, ist die Unfallstelle auf der A4 rund 500 Meter vor der Abfahrt Dresden-Neustadt ein Trümmerfeld. Und ein Bild des Grauens. Zwischen zerstörten Leitplanken liegt ein völlig zerfetztes Wrack, das einmal ein Kleinbus war, in dem neun Menschen saßen. Über die Fahrbahn verstreut liegen Trolleys, Taschen und Kartons zwischen Autositzen und -resten, Glassplittern, Essen, CDs und Zeitschriften auf der Fahrbahn. Aus einem von Helfern aufgetürmten Berg Habseligkeiten auf dem Standstreifen ragen die Lenksäule und der zerfetzte Motor des polnischen Kleintransporters.

Acht der neun Insassen hatten auf dem Weg in die Heimat keine Überlebenschance. Sie starben brutal, als kurz vor 2 Uhr nachts ein aus der Gegenrichtung schleudernder, ebenfalls polnischer Doppeldecker durch die Mittelleitplanke brach, frontal in ihr Fahrzeug raste und es teilweise überrollte. Der Kleinbus war wohl ein Fahrservice, wie er von Zeitarbeitern genutzt wird, mutmaßt ein Beamter.

Insgesamt starben bei dem Umglück zehn Menschen, 69 wurden verletzt, 39 davon schwer, neun Opfer schwebten gestern noch in Lebensgefahr. Inzwischen erinnern nur noch Markierungen auf der Fahrbahn, plattgedrücktes Gras und abgerissene Leitplanken an die furchtbare Tragödie, die selbst erfahrene Retter wie Angela Otto vom Kriseninterventionsteam der Feuerwehr entsetzt. „Einen Unfall dieses Ausmaßes habe ich noch nie gesehen“, sagt die 50-Jährige. Sie gehörte zu den vielen Helfern in der Nacht, betreute viele unter Schock stehende Opfer. „Die vielen Toten und Verletzten - es war ein Bild des Grauens.“ Im polnischen Fernsehen berichteten Überlebende vom Schrecken in der Nacht. „Der Bus stürzte um, ich stürzte, ich weiß nicht wie es passiert ist“, sagte eine Frau dem  Nachrichtensender TVN 24. „Alles ging so schnell.“ Die Frau, die im Doppeldecker in einer der hinteren Reihen saß, wurde von einem der beiden Reisebusfahrer aus dem umgekippten Fahrzeug gezogen. „Er hat mir das Leben gerettet.“

Am Anfang des Horror-Crashs stand ein Zusammenstoß des polnischen mit einem ukrainischen Bus, der sogar bis zur nächsten Raststätte weiterfuhr. „Sie standen alle unter Schock“, sagt Betreuerin Otto. Aus dem Kleinbus, der auf der Gegenfahrbahn überrollt wurde, konnten nur zwei der neun Insassen lebend geborgen werden. Ein weiterer Mann starb später im Krankenhaus. 40 Insassen des Reisebusses krochen selbstständig aus dem Wrack, teils blutüberströmt, mit Prellungen, Schürfwunden oder Brüchen, wie Helfer berichten. Die anderen waren eingeschlossen und wurden von Rettungskräften geborgen - zwei davon nur noch tot.

Der Notruf ging um Samstagmorgen um 1:50 Uhr ein. 27 Rettungswagen rasten zur Autobahnbrücke über die Elbe, die Alt- und Neustadt verbindet. Bis zum Morgengrauen waren 150 Feuerwehrleute und Rettungskräfte vor Ort, um Opfer zu bergen und Überlebenden zu helfen. Auch für die Helfer eine Ausnahmesituation, wie der Amtsleiter der Dresdner Feuerwehr, Andreas Rümpel, sagt. Er kann sich an keine vergleichbare Katastrophe in 36 Dienstjahren erinnern.

Gestern beantragte die Staatsanwaltschaft Haftbefehl gegen den 44-jährigen Fahrer des Doppeldecker-Busses. Der Pole stehe im Verdacht der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung, sagt Sprecher Lorenz Haase. „Wir gehen davon aus, dass er zum Unfallzeitpunkt nicht in der Lage war, das Fahrzeug zu führen – wegen Übermüdung.“

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