Bisher schwerstes Grubenbeben an der Saar erschüttert die Politik

Auf der Treppe der St. Blasiuskirche in Saarwellingen liegen Steine, die sich nach dem bisher schwersten bergbaubedingten Erdbeben in der Primsmulde am Vortag vom Kirchturm gelöst hatten. Ein Erdbeben der Stärke 4,0 hat am Samstag Teile des Saarlandes erschüttert.
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Auf der Treppe der St. Blasiuskirche in Saarwellingen liegen Steine, die sich nach dem bisher schwersten bergbaubedingten Erdbeben in der Primsmulde am Vortag vom Kirchturm gelöst hatten. Ein Erdbeben der Stärke 4,0 hat am Samstag Teile des Saarlandes erschüttert.

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24. Februar 2008, 03:08 Uhr

Es ist Samstagnachmittag, 16.31 Uhr. Bereits zum 35. Mal in diesem Jahr bebt die Erde im saarländischen Kohlerevier, doch diesmal ist alles anders: Ziegel rutschen von den Dächern, vom Turm der St. Blasius Kirche in Saarwellingen stürzen Ornamente in die Tiefe, hunderte Menschen geraten in Panik, Fenster gehen zu Bruch, ein Junge stürzt von einer Leiter. Das durch den Bergbau ausgelöste Beben in der Region rund um das Bergwerk Saar in Ensdorf erreicht eine bislang nicht gekannte Stärke. Das Ausmaß der Schäden ist zunächst nicht abzuschätzen.

Seit Monaten streiten die RAG Deutsche Steinkohle AG, Regierung, Parteien, Gewerkschaften und die Bergbaubetroffenen in immer schärferer Tonlage über die Zukunft des Kohleabbaus an der Saar. Die einen wollen noch möglichst lange die Förderung und damit tausende Arbeitsplätze sichern. Die Regierung fordert einen raschen, sozialverträglichen Ausstieg möglichst vor 2014. Manche, wie FDP, Grüne und der Landesverband der Bergbaubetroffenen, verlangen ein sofortiges Ende für das letzte Bergwerk im kleinsten Flächenland der Republik. Das bislang schwerste Grubenbeben hat nicht nur die Region, sondern auch die saarländische Politik erschüttert. Die Zukunft des Steinkohlebergbaus im Land ist seit Samstag noch ungewisser.

Die Freiburger Erdbebenwarte misst eine Stärke von 4,0. Doch viel folgenschwerer ist die Schwinggeschwindigkeit des Bebens, die mit mehr als 93 Millimetern pro Sekunde einen nie zuvor gemessenen Spitzenwert erreicht. Von fünf Millimetern an sind Gebäudeschäden nicht mehr auszuschließen. Die RAG Deutsche Steinkohle reagiert rasch, stoppt die Kohleförderung. „Wir bedauern das zutiefst. Wir haben mit einem Ereignis dieser Stärke nicht gerechnet“, sagt eine Unternehmenssprecherin. Es werde jetzt alles getan, um schnell zu helfen. Nach Angaben der Bergbaugegner haben 30 Menschen die Nacht zum Sonntag in Hotels verbracht, weil sie um die Stabilität ihrer Häuser fürchten. „Statiker untersuchen diese Fälle nun mit Vorrang“, sagt die Sprecherin des Konzerns.

Bis zum Sonntagmittag gehen bei einer Hotline der RAG mehr als 250 Schadensmeldungen ein, auch bei der Polizei steht das Telefon nicht still. „Wir haben alle Schadenssachbearbeiter im Einsatz“, sagt die Sprecherin. Es wird Tage dauern, ein genaues Bild der Schäden zu erstellen. Unter Tage arbeitet nur noch eine Notbesetzung, die übrigen Mitarbeiter sind bis auf weiteres freigestellt. Noch sei völlig unklar, wie lange die Arbeit ruhen wird, möglicherweise müssen tausende Kumpel demnächst in die Kurzarbeit. Die Landesregierung handelt noch am Samstagabend. Ministerpräsident Peter Müller (CDU) verfügt bei einem Besuch in der Region einen sofortigen Abbaustopp - ohne zeitliche Befristung. Gutachter sollen nun klären, wie es zu der starken Erschütterung kommen konnte.

Müller fordert von der RAG seit Monaten eine klare Ansage, wann in Ensdorf endgültig „Schicht im Schacht“ ist und beharrt auf einem Ende des Bergbaus deutlich vor 2014. Die RAG beharrt auf einem Betrieb mindestens bis zu diesem Zeitpunkt, am liebsten aber würde das Unternehmen auch darüber hinaus Kohle fördern. In dem einzigen verbliebenen Bergwerk holen die Kumpel jährlich rund 3,4 Millionen Tonne Kohle aus 1500 Metern Tiefe. Die Kohle wird fast ausschließlich an saarländische Kraftwerke geliefert, ein längerer Stopp des Abbaus könnte in den nächsten Wochen auch deren Versorgung gefährden.

Die SPD im Land hat sich bislang fest an die Seite der Bergleute gestellt. Tausende Arbeitsplätze auch in der Zulieferindustrie hängen an dem Bergwerk, das rund 5000 Menschen beschäftigt. Vor wenigen Wochen war eigens SPD-Chef Kurt Beck ins Bergwerk Saar gereist und hatte vor den Kumpeln gesprochen und die große Bedeutung der Kohle beschworen. Landeschef Heiko Maas beeilte sich am Samstag zu erklären, dass das jüngste Beben „eine völlig neue Dimension darstelle“. Die Schäden seien ein Anzeichen dafür, „dass die Entwicklung außer Kontrolle geraten ist.“

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