Bekenntnis zur SPD bei Bier, Korn und Mettwurstbrot

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22. März 2013, 10:23 Uhr

Am Anfang ein Wort zum Wetter. Es ist ein Ärgernis. Auch in Weiße Krug am Groß Labenzer See im Osten des Landkreises Nordwestmecklenburg. Auch für einen Alt-Ministerpräsidenten. Mit einigem Grimm hat Harald Ringstorff gestern Vormittag das Schneetreiben vor seinem Fenster beobachtet. Drei Zentimeter Neuschnee bedeuten für einen Hausbesitzer mit langer Auffahrt ordentlich Arbeit. Wo wenig Stauraum ist, kommt neben Schneeschieber auch die Schubkarre zum Einsatz. Langsam, meint Harald Ringstorff, könnte mal Schluss sein mit dem Winter. Und dem Vorgeplänkel. Nein, ein Porträt, geschweige denn eine Homestory, das kam für ihn niemals infrage. Er verweist zur Begründung auf eine Scheußlichkeit wie die "Causa Wulff". Kein Zweifel, solch ein Verhältnis zur Öffentlichkeit sind dem Mecklenburger ein Graus. Ein Politiker hat das Recht, sein Privatleben rauszuhalten. Basta.

Über sein politisches Leben hingegen äußert sich Harald Ringstorff gern und ausführlich. Zahlen, Ereignisse, Abstimmungsergebnisse, ja und natürlich auch Winkelzüge von Widersachern erwähnt er, als sei all das nur Tage statt lange Jahre her. Die Zeit, die dem Mecklenburger Sozialdemokraten heute eine große Ehrung der Sozialdemokratie, den Albert-Schulz-Preis, einbringt, brach Ende der 1980er-Jahre an, als die DDR in den letzten Zügen lag. Damals entschied sich Dr. Harald Ringstorff für politisches Tun. An Politik interessiert war der promovierte Chemiker aus Wittenburg zwar schon zuvor, vor allem an Politiksendungen im Westfernsehen - "Ich wohnte ja dicht genug an der Grenze." Engagiert hat er sich nie, "weder in irgendwelchen Ämtern noch im Widerstand".

Die Suche nach Mitstreitern führt ihn in der Wendezeit zunächst zu den Bürgerbewegten. "Viele nette Leute, aber etwas diffus. Als Naturwissenschaftler will ich reproduzierbare Ergebnisse, mir waren klare Strukturen wichtig." Die Strukturen einer Partei. Anfang November 1989 gehört er in Rostock zu den Gründungsmitgliedern der SDP im Norden. Sie folgten dem Beispiel jener Frauen und Männer, die sich schon einen Monat zuvor - just als die DDR-Führung am 40. Jahrestag über den Untergang hinwegfeiern wollte - im brandenburgischen Schwante zur Sozialdemokratischen Partei in der DDR zusammengetan hatten. Um dem möglichen Vorwurf einer "Anbiederung beim Klassenfeind" entgegenzuwirken, hatten sie den Namen SPD umschifft. Ausgerechnet die Norddeutschen sollten das ändern. Am 6. Dezember 1989 war Willy Brandt in der übervollen Rostocker Marienkirche zu Gast. Harald Ringstorff und seine Genossen wagten sich "vor Ehrfurcht erstarrt an seine Begleitung" mit der Frage, ob Herr Brandt im Anschluss noch zu sprechen sei. Es war dem großen Mann der Sozialdemokratie ein Bedürfnis, nicht zuletzt, um seinen neuen Verbündeten einen Rat zu geben - im Neptun-Hotel Warnemünde bei "einem Bier, einem Korn und einem anständigen Mettwurstbrot", wie sich Harald Ringstorff erinnert. "Er sagte uns: ,Versteckt euch nicht!’"

Zwei Tage später wurde die SDP in Rostock zur SPD. "Zum Ärger von Markus Meckel und den Schwantern, die uns sogar mit Ausschluss gedroht haben." Der Norden blieb stur und ging auch bei nächster Gelegenheit auf Konfrontationskurs. Während die anderen noch von einer verbesserten, demokratischen DDR philosophierten, "haben wir uns an die Spitze der Bewegung für den Einigungsprozess gesetzt", sagt Harald Ringstorff, der seinen Standpunkt nie von Gegenwind hat beeinflussen lassen.

Wie sehr sein Name mit der Sozialdemokratie verbunden ist, zeigt sich heute darin, dass er den Albert-Schulz-Preis bekommt. Dem SPD-Mann Schulz blieb es verwehrt, nach Nazi-Diktatur und Krieg sozialdemokratische Traditionen hierzulande wiederzuerwecken. Das gelang erst vier Jahrzehnte später, Menschen wie Harald Ringstorff.

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