Attentäter gerührt von sich selbst – und ohne Mitleid

Anders Behring Breivik.dpa
Anders Behring Breivik.dpa

svz.de von
21. Juli 2012, 04:14 Uhr

Tränen vergoss der Massenmörder ein einziges Mal in zehn Verhandlungswochen: Als das Osloer Gericht ein selbst gebasteltes Video von Anders Behring Breivik über seinen „Kampf“ gegen die Islamisierung Norwegens abspielen ließ, bebten die Gesichtszüge des 33-Jährigen einen kurzen Weinkrampf lang. Er war von sich selbst gerührt.

Breivik sitzt in einem Hochsicherheitstrakt der Haftanstalt Ila, wenn ganz Norwegen am Sonntag der 77 Toten seiner Anschläge zwölf Monate zuvor gedenkt. Die unfassbar schmerzhaften Schilderungen Überlebender und Hinterbliebener vom Massaker auf der Fjordinsel Utøya und von der Autobombe in Oslo hörte sich Breivik vor Gericht regungslos an. Um in seinem konfusen Schlusswort Ende Juni den Massenmord damit zu begründen, dass es „einen fundamentalen Bedarf an neuer Führung in Norwegen und Europa“ gebe.

Breivik hat nach seinen wohl tatsächlich allein vorbereiteten und durchgeführten Terroranschlägen viel Energie darauf verwandt, als voll für seine Tat verantwortlicher „Widerstandskämpfer“ gegen islamische Zuwanderung und nicht als paranoid-schizophrener Krankheitsfall eingestuft zu werden. Die Rechtspsychiater vor Gericht waren sich nicht einig. „Hauptsache Aufmerksamkeit“ vermittelten viele Live-Bilder des norwegischen Fernsehens immer wieder als Eindruck vom Angeklagten, der nie auch nur ansatzweise Einsicht in den Umfang seines Verbrechens zeigte. Einiges spricht dafür, dass Norwegens Öffentlichkeit und Überlebende sowie Hinterbliebene der 77 Opfer Breiviks „Erklärungen“ seiner Tat noch einmal über sich ergehen lassen müssen. Er werde wohl in jedem Fall Berufung einlegen, ließ der Massenmörder kurz vor dem Jahrestag über seine Anwälte verbreiten. Offen beim Urteil der ersten Instanz am 24. August ist nur, ob Breivik für schuldunfähig wegen psychischer Krankheit eingestuft wird oder nicht.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen