Angie - Popstar in der Tennishalle

Demminer Dreigestirn (v.l.): Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister  Lorenz Caffier (CDU), Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)  und der CDU-Landesvorsitzende und Wirtschaftsminister  von Mecklenburg-Vorpommern, Jürgen Seidel Foto: ddp
Demminer Dreigestirn (v.l.): Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU), Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der CDU-Landesvorsitzende und Wirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern, Jürgen Seidel Foto: ddp

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07. Februar 2008, 09:09 Uhr

Demmin - Gefeiert wie ein Popstar stieg Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gestern zum Politischen Aschermittwoch der CDU wieder in ihrem Heimatverband Mecklenburg-Vorpommern in die Bütt. Was für die bayrische CSU die Dreiländerhalle in Passau, ist für die CDU inzwischen die Tennishalle in Demmin, die zum 13. Aschermittwoch-Treffen geladen hatte.

Stehende Ovation bekam die Kanzlerin schon beim Einmarsch von den 2000 Gästen im gut gefüllten Saal. Bier und Korn und vor allem „Zeremonienmeister" Werner Kuhn, im wirklichen Leben Landtagsabgeordneter in Schwerin, hatten die Stimmung kräftig eingeheizt.

Das erstmals auch beim Aschermittwoch geltende Rauchverbot kommentierte der Vorpommer mit dem schwarzen Zylinder von der Rednerbühne: „Früher lagen die Betrunkenen vor der Kneipe, heute sind es die vor der Tür steif gefrorenen Raucher". Tätää-tätää-tää.

Seidel ein karnevalistischer Totalausfall
Auch Konfliktthemen wie die Krise im Dassower CD-Werk blieben von Kuhns gereimten Sprüchen nicht verschont. „Der Chef fährt einen dicken Benz, doch das schützt nicht vor Insolvenz." Tätää-tätää-tää.

Doch zum Glück gibt es die CDU und ihren Wirtschaftsminister Jürgen Seidel. Kuhn: „Seidel, der Wirtschaftsrealist, rettet, was zu retten ist." Der Beifall war dem Einheizer sicher, und dazu gab es ein zünftiges Tätää-tätää-tää von den Neukalener Stadtmusikanten.

Der angesprochene CDU-Landeschef Jürgen Seidel, der danach auf die Bühne trat, war aus karnevalistischer Sicht ein Totalausfall. „Wir können den Menschen in Dassow nicht versprechen, dass alles gut wird", meinte er mit ehrlicher Miene. Dann versuchte der Warener mit norddeutschem Temperament, doch noch seinen Beitrag zur Stimmung im Saal zu leisten und zwangsreimte eine Lobeshymne auf seine ausgezeichneten Beziehungen zur Kanzlerin: „Bist du mal im Stress, schicke Angie eine SMS." Tätää-tätää-tää.

Auch die verbalen Bollerschüsse der Kanzlerin waren weniger schräg-karnevalistisch als nüchtern-analytisch. Der Volksfeststimmung tat dies allerdings keinen Abbruch. Die Leute wollten Unterhaltung und Prominenz. Die CDU-Bundesvorsitzende gehört immerhin zu den Gründungsmitgliedern der Aschermittwochsrunde in Vorpommern, die seit 1995 stattfindet.

Merkel kontra CDU-Mitglieder-Votum
Im roten Samtsacko trat sie auf die Bühne und konzentrierte sich streng auf regionale Themen. Das Steinkohlekraftwerk in Lubmin sei wichtig für Vorpommern und für Deutschland, sagte sie unter Beifall. Vergessen schien, dass sich in einer Forsa-Umfrage Ende 2007 knapp 60 Prozent der CDU-Mitglieder im Land gegen das Projekt ausgesprochen hatten. „Wenn das Kraftwerk nicht in Lubmin gebaut wird, dann wird es eben in Polen gebaut und die Arbeitsplätze sind weg", prophezeite sie den Leuten im Saal. Die guten Neukalener Stadtmusikanten spielten eisern dazu ihr Tätää-tätää-tää.

Dann ging sie doch noch auf die großen Fragen der internationalen Politik ein. „Die Interessen Deutschlands werden am Hindukusch verteidigt", sagte sie und verteidigte den bevorstehenden Einsatz von Kampftruppen in Afghanistan. Für viele war dies das Zeichen, sich das nächste Bier zu holen.
Letztlich schaffte die Kanzlerin doch noch den Bogen zurück zu den Leuten im Saal. „Der Mittelstand schafft die Arbeitsplätze", lobte sie, um mit markigen Worten zu schließen: „Wir haben den Mut, wir haben die Kraft, wir haben den Stolz." Tätää-tätää-tää.

Geschichte des Politischen Aschermittwochs
Jedes Jahr zu Beginn der Fastenzeit rechnen die Parteien mit dem politischen Gegner ab. In Versammlungen mit Volksfestcharakter kommt es zum derben rhetorischen Schlagabtausch. Die Wurzeln des Politischen Aschermittwochs liegen im nieder-bayerischen Vilshofen. Dort feilschten die Bauern schon im 16. Jahrhundert auf dem Hornvieh- und Rossmarkt nicht nur um die besten Tierpreise, sondern redeten auch über Gott und die Welt. Seit dem 19. Jahrhundert nahmen sie auch die königlich-bayerische Politik aufs Korn. 1919 rief der Bauernbund erstmals zu einer Kundgebung auf – der Politische Aschermittwoch war geboren. In der CSU mit ihrem späteren Parteichef Franz Josef Strauß entwickelten sich jene Redeschlachten, die den Ruf des Politspektakels begründeten: Jede Partei postierte im Saal des Gegners „Spione", um dessen Attacken möglichst schnell parieren zu können. 1975 räumte die CSU den zu eng gewordenen „Wolferstetter Keller" in Vilshofen und zog nach Passau um. Die SPD übernahm die Hochburg der „Schwarzen".

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