Am Lebenswerk verzweifelt

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06. Januar 2009, 09:01 Uhr

Ulm/Blaubeuren | Er war einer der reichsten Männer Deutschlands - bis er sich an der Börse verzockte und sein Imperium mit 100 000 Mitarbeitern an den Rand des Zusammenbruchs führte. Am Montag hat sich der Ulmer Milliardär Adolf Merckle unweit seines Wohnorts Blaubeuren südwestlich von Ulm von einem Zug überfahren lassen. Der 74-Jährige hinterließ einen Abschiedsbrief. Die Finanzkrise und die daraus folgende wirtschaftliche Notlage seiner Unternehmen hätten Adolf Merckle gebrochen, hieß es gestern in einer kurzen Erklärung seiner Familie. "Er hat sein Leben beendet."

Merckle war ein Kämpfertyp. "Mir ist fremd, etwas aufzugeben", lautete sein Lebensmotto. Wenn die Wirtschaft um ihn in der Krise steckte, nutzte Merckle die Gunst der Stunde und baute sein Imperium durch günstige Zukäufe aus. 30 Milliarden Euro Umsatz macht seine Gruppe, zu der u.a. der Pharmaproduzent ratiopharm, Deutschlands größter Baustoffhersteller HeidelbergCement und der Pharmagroßhändler Phoenix gehören.

In der Öffentlichkeit gab sich der verschwiegene schwäbische Clan-Chef eher bescheiden. Er machte nicht viel Aufhebens um seine Person - geschweige denn um sein Vermögen. Die Bewohner seiner Heimatgemeinde Blaubeuren sahen den Selfmade-Milliardär hin und wieder auf dem Fahrrad statt in einer Luxuslimousine durch den Ort fahren.

Doch im Hintergrund hielt Merckle alle Fäden in der Hand - und setzte sich immer durch. Dem Juristen wurde stets ein gutes Näschen für Geschäfte nachgesagt. Laut "Forbes" war Merckle mit einem geschätzten Vermögen von 9,2 Milliarden Dollar der fünftreichste Mann Deutschlands.

Doch dann verzockte sich der gewiefte Taktiker: Mit VW-Aktien verlor er bis zu einer Milliarde Euro. Fast zeitgleich vermieste die Finanzkrise Merckle die Geschäfte. Die Banken forderten zusätzliche Sicherheiten für hohe Kredite - und Merckle steckte in finanziellen Schwierigkeiten.

Eigentlich war Merckle jedoch nach einem monatelangen Ringen mit den Gläubigerbanken auf der Zielgerade. Alle beteiligten gut 30 Banken unterzeichneten kurz vor dem Jahreswechsel eine Kreditstundung für die nächsten Monate. Merckle sollte dadurch mehr Zeit bekommen, um sein Imperium zu sanieren.

Aber der Preis wäre hoch gewesen: Merckle sollte sich von den Filetstücken seines Imperiums trennen, so die Forderung der Banken. Sein Lebenswerk hätte tiefe Kerben davongetragen. Der Druck und die Aussicht, nicht als Sieger aus einem Streit hervorzugehen, haben ihn gebrochen, berichtete seine Familie. Adolf Merckle hatte mit seiner Frau drei Söhne und eine Tochter.

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