Tradition : Alte Bräuche verblassen

Das so genannte Bescherkind (m), ein alter vorweihnachtlicher Brauch aus der Lausitz, und seine beiden Begleiterinnen gehen am  durch das Freilandmuseum im Spreewalddorf Lehde.
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Das so genannte Bescherkind (m), ein alter vorweihnachtlicher Brauch aus der Lausitz, und seine beiden Begleiterinnen gehen am durch das Freilandmuseum im Spreewalddorf Lehde.

Weihnachten scheint zunehmend in Schlagergedudel und Konsumrausch unterzugehen. Wissen um alte Bräuche geht verloren

svz.de von
23. Dezember 2013, 17:48 Uhr

Gaben heischend zogen einst vermummte Gestalten vor Weihnachten in Brandenburg durch die Dörfer. Schimmelreiter pochten an die Häuser und ließen sich beschenken. Die Kinder in der Lausitz warteten auf das „Bescherkind“, das es mancherorts noch gibt. Bevor Christbäume die Stuben eroberten, feierten die Menschen Weihnachten eher fröhlich und ausgelassen. Heidnischen Bräuchen folgte christliche Tradition. Viele Riten sind verblasst, neue etabliert, wie Meisterschaften im Christbaum-Weitwerfen, die Parade der Weihnachtsmänner in Brandenburg an der Havel oder das Weihnachtspostamt in Himmelpfort.

Der Festkreis der Weihnachtszeit reicht vom 1. Advent bis zu den Heiligen Drei Königen am 6. Januar. Am Barbara-Tag (4. Dezember) stellten die Leute früher Zweige vom Kirschbaum in die Vase, damit sie Weihnachten blühen sollten. Dahinter verberge sich die Vorstellung, dass in der Heiligen Nacht Pflanzen blühen und Bäume Früchte tragen, berichtet Reinhard Schmook, Leiter des Oderlandmuseums Bad Freienwalde. „Die Konzentration des Geschenke-Ritus' auf den Heiligen Abend war früher gänzlich unbekannt. Bis ins 19. Jahrhundert war das nicht so.“ Mehrere Tage seien vermummte und verkleidete „Heischegänger“ und Schimmelreiter im Oderland unterwegs gewesen. Sie lobten oder tadelten Kinder und wollten für ihr Treiben beschenkt werden.

Diese Figuren sind auch aus der Prignitz bekannt, wie die Historikerin Susanne Marok erzählt. Dazu gehörte ein Erbsbär, eine in Erbstroh gehüllte Figur, die das Böse aus dem Haus treiben sollte. „Oft wurden deshalb die Stuben ausgekehrt“, sagt Marok. Weihnachten sei damals eher als Gaudi gefeiert worden, ähnlich wie Fasching heute. „Der Schimmelreiter fungierte als Glücksbringer und wurde deshalb gern dargestellt“, erklärt Diplom-Ethnograph Schmook. „Den Bären wollte wegen seiner negativen Erscheinung keiner spielen - der musste ausgelost werden.“ In der Stube hatte der Schimmelreiter über einen Stuhl zu springen. Gefiel das, gab es Beifall und Geschenke. „Dieser Brauch hielt sich bis zum Ersten Weltkrieg und erlosch dann.“

Erst von etwa 1870 an ziert der Weihnachtsbaum die Wohnung. Davor bestückten die Leute Stabpyramiden mit Lichtern und schmückten sie mit Tannengrün. Es gab auch sogenannte Weihnachtskronen aus farbigem Holz - geschnitzte Bögen mit Tanne und Lichtern geschmückt -, die von der Decke hingen. Aus Doberlug-Kirchhain (Elbe-Elster) sind Leuchterbauer überliefert, die für Heiligabend große Leuchter aufstellten, wie Tina Peschel vom Museum für Europäische Kulturen in Berlin erzählt. „Gegen die Dunkelheit wurde Licht gemacht.“ Das Fest war mit bestimmtem Gebäck verbunden - so im Fläming mit Klemmkuchen, der über dem Feuer wie Waffeln im Klemmeisen gebacken wurde. In der Kirchen waren sogenannte Quemper-Gesänge verbreitet: Kinder sangen abwechselnd eine Liedzeile.

Tiere erhielten in der Heiligen Nacht mehr Futter. „Obstbäume mussten mit Kuchen oder Wurst beschenkt werden, damit sie uns mit ihren Früchten im neuen Jahr wiederbeschenken“, erklärt Schmook. Es entstanden Anrechte auf bestimmte Gaben, so bei Bauern und Knechten. „Und heute erhalten wir Weihnachtsgeld“, versucht er einen Bogen in die Gegenwart zu schlagen.

In der Niederlausitz ist noch ein Bescherkind unterwegs, wie Werner Meschkank vom Wendischen Museum Cottbus berichtet. „Das wird auch manchmal ausgeliehen.“ In bestimmten Regionen in der Oberlausitz habe noch jedes Dorf sein Bescherkind. Im Gegensatz zum rauen Knecht Ruprecht sei es viel freundlicher und spreche selbst nicht. „Sonst ist die Illusion weg.“ Mit der Rute streicht es den Kindern über den Rücken, wünscht Gesundheit und Glück. „Dieser Brauch ist uralt, aber noch nicht richtig erforscht“, betont der Kurator.

Riten und Bräuche wandelten sich. Auch der christliche Hintergrund der Weihnachtszeit ist oft fremd. „Diesen können viele Menschen gar nicht mehr rezipieren, weil sie die Geschichten nicht kennen - auch wenn sie am Heiligen Abend in die Kirche gehen“, sagt Schmook. Die Weihnachtsfreude sei sehr nach außen gestülpt. „Sie ist nicht mehr im Herzen drinnen.“

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