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Als die Propagandisten die Dörfer überschwemmten

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erstellt am 28.Aug.2013 | 09:54 Uhr

Schwerin | Viele Bauern und Landarbeiter sind in der DDR den Weg in die LPG nicht freiwillig gegangen. "Es gab Gewalt und es gab Denunziationen. Viele einzelne Schicksale sind bekannt, nicht aber die Befehle, Richtlinien und Maßnahmepläne, die dahinter standen", so die neue Landesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Anne Drescher, kurz nach ihrem Amtsantritt vor vier Wochen. Sie will die regionale Forschung auf diesem Gebiet forcieren, weil ihrer Meinung nach die damals geschaffenen Eigentumsverhältnisse noch heute das Leben in Mecklenburg-Vorpommern mitbestimmen.

Was den ehemaligen Lehrlingen der MTS Setzin widerfuhr, ist nur ein kleiner Ausschnitt der staatlichen Maßnahmen, mit denen die 1952 begonnene Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR endgültig durchgesetzt werden sollte. Sie war ein Schlüsselprojekt für die SED, um das von ihr propagierte Bündnis von Arbeitern und Bauern zu verwirklichen. Auf der Landwirtschaft lasteten nicht nur große ideologische Hoffnungen der Sozialisten. Sondern auch die ganz reale Erwartung, dass sie die Bevölkerung ernährt.

"Die tonangebenden deutschen Kommunisten, die zuvor in Moskau geschult worden waren, verstanden nur wenig von den Erfordernissen landwirtschaftlicher Pro-

duktion", schreibt der Berliner Historiker Jens Schöne über den Anfang der Kollektivierung. Auch 1960 arbeiteten die meisten LPG laut Schöne nicht so effektiv wie die verbliebenen privaten Bauern. Ein kurzfristiger Abschluss der "Vergenossenschaftlichung" habe nur mithilfe weiterer Zwangsmaßnahmen erfolgen können. "Organisationseinheiten der Partei, Angehörige von Polizei, Justiz und Staatssicherheit, aber auch Arbeiter aus

Industriebetrieben, Studenten und Mitglieder der Kampfgruppen überschwemmten nun die Dörfer", um die Landbevölkerung von den angeblichen Vorzügen der LPG zu überzeugen.

Parallel dazu wurden die Maschinen-Traktoren-Stationen den Genossenschaften übergeben - soweit möglich samt Belegschaft. "Der Beitritt von Traktoristen, Technikern, Verwaltungsangestellten und anderem Personal zu den LPG verlief nicht ohne Probleme. Die Entlohnung der Mitglieder erfolgte unter anderem auf der Grundlage des eingebrachten Bodens, über den fast ausschließlich die Bauern verfügt hatten. Wie aber sollten dann die landlosen Beitrittskandidaten bezahlt werden?" Erneut sei Unruhe aufgekommen.

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