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19. November 2017 | 08:09 Uhr

Als der Tod nach Tohoku kam

vom

svz.de von
erstellt am 09.Mär.2012 | 10:39 Uhr

Kamaishi | Akiko Iwasaki wiegt ihr friedlich schlummerndes Enkelbaby im Arm. Draußen reparieren Arbeiter die Außenfassade ihres Gasthauses "Houraikan". Ein kalter Winterhauch weht von der nahen Bucht herüber. "Als ich Kind war, erzählten mir meine Großeltern und mein Urgroßvater häufig davon, wie früher immer wieder Tsunamis unsere Gegend verwüsteten", erzählt die 55-Jährige. "Wir lebten immer im Bewusstsein, dass es eines Tages bestimmt wieder passiert." Dabei sei das Gasthaus ihrer Familie, das sie vor einigen Jahren erdbebensicher neu errichten ließ, bislang immer verschont geblieben. Bis zum 11. März 2011. "Ich wusste gleich, dass diesmal etwas anders war", erinnert sich Iwasaki.

Die Uhr steht auf 14.46 Uhr. Ein Erdbeben der Stärke 9,0 lässt das Haus gewaltig erzittern. Obwohl sie sicher ist, dass ihr Gebäude standhalten würde, folgt Iwasaki ihrem Instinkt. Statt ihre Gäste und Angestellte auf den Sammelplatz vor ihrem Haus zu führen, entscheidet sich die Japanerin dagegen, dort zu bleiben. "Ich spürte, heute müssen wir in die Berge." Sofort trommelt sie mit ihren Mitarbeiterinnen die Gäste zusammen. "Wir hatten noch 30 Minuten Zeit."

Eilig bringen Iwasaki und ihre Mitarbeiterinnen die Gäste hinter das Haus auf einen Hügel. Die Treppe hatte sie in weiser Voraussicht in Gedanken an die Erzählungen ihrer Großeltern von den Tsunamis als Fluchtweg errichten lassen. Eine Entscheidung, die vielen Menschen das Leben rettet.

Dann trifft mit mörderischer Gewalt eine Flutwelle von bis zu 19 Metern Höhe auf die Küste und walzt alles nieder: Häuser, Häfen, Schulen, Friedhöfe. Dörfer, Städte und riesige Anbauflächen versinken in den Wassermassen. Familien mit kleinen Kindern rennen verzweifelt um ihr Leben. "Das Meer war pechrabenschwarz. Es sah aus wie die Hölle, in der ein wilder Drache trobt", so Iwasaki. Was sie zu dem Zeitpunkt noch nicht ahnt, ist, dass sich in der nahen Provinz Fukushima im AKW Fukushima Daiichi bereits die nächste Katastrophe abspielt.

Nachdem Iwasaki ihre Gäste auf dem Hügel in Sicherheit gebracht hat, läuft sie mit einer Mitarbeiterin wieder hinunter, als sie unten noch Nachbarn sieht. Doch die Flut ist schneller. Plötzlich gerät sie unter ein Boot und kann in der Luftblase darunter wieder atmen. "Ohne dieses Boot wäre ich gestorben", sagt Iwasaki. Über ihr wirbeln Autos und Busse durchs Wasser. Dann schleudert sie eine Welle wieder nach oben. Die Frauen können sich an Land ziehen. Drei ihrer Kolleginnen aber gehen noch einmal den Hügel herunter, um zu ihren Familien zurückzukehren - und finden dabei ihren eigenen Tod.

15 850 Menschen in der Region Tohoku kommen in Folge des Erdbebens und Tsunamis ums Leben. Noch heute, ein Jahr später, gelten fast 3300 Menschen weiter als vermisst. Über eine Million Häuser wurden ganz oder teils zerstört. Noch immer leben mehr als 320 000 Menschen in Behelfsunterkünften.

Einer davon ist Teiichi Sekizawa. Der 55-Jährige arbeitete bis genau einen Tag vor der Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi, dann war sein Auftrag beendet. "Ich hatte Glück gehabt", erzählt der stämmige Japaner in seiner engen Behausung. Seit seinem 30. Lebensjahr verdingte er sich in Kernkraftwerken, ein Wanderjob, der ihm gutes Geld einbrachte.

Sein Haus liegt keine zehn Kilometer von den Unglücksreaktoren in Fukushima entfernt. Heute ist die Gegend noch immer hochgradig verstrahlt. Der ledige Japaner haust jetzt in einer Siedlung aus 180 containerähnlichen Notbehausungen auf einem Parkplatz von Fukushima. In Atomkraftwerken, die er wie die meisten Japaner immer für sicher hielt, will er nicht mehr arbeiten. Auch glaube er nicht an die Behauptung der Regierung, dass die Reaktoren unter Kontrolle seien.

Durch die Stahlträger und dünnen Wände seines Wohncontainers dringt die eisige Winterluft herein. Dennoch macht der Atomarbeiter die Klimaanlage nicht an - um Strom zu sparen. Er muss zwar für die Behelfsunterkunft keine Miete zahlen, dafür aber alle anderen Kosten. "Wir wollen nicht im Luxus leben. Alles was wir verlangen, ist Entschädigung, so dass wir einigermaßen menschlich leben können." Doch wenn er und seine Nachbarn das den Beamten erzählen, "sagen die nur, das werden wir an unsere Vorgesetzen weitergeben". Teiichis Fazit: "Der Staat hat überhaupt kein Konzept."

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