Ältester Mann der Welt gestorben

Der Brite Henry Allingham bei einer Feier von Kriegsveteranen des Ersten Weltkrieges (Archivfoto)
Der Brite Henry Allingham bei einer Feier von Kriegsveteranen des Ersten Weltkrieges (Archivfoto)

Er erlebte drei verschiedene Jahrhunderte und sechs verschiedene britische Monarchen: Henry Allingham, der älteste Mann der Welt, ist tot. Der Brite starb im Alter von 113 Jahren in einem Pflegeheim nahe der Küstenstadt Brighton.

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19. Juli 2009, 02:13 Uhr

London (dpa) - Erst im Juni war Henry Allingham zum ältesten Mann der Welt geworden. Jetzt ist der Brite im hohen Alter von 113 Jahren verschieden. Mit seiner Frau Dorothy war er über ein halbes Jahrhundert verheiratet. Er hatte fünf Enkel, 12 Urenkel, 14 Ururenkel und schon einen Urururenkel. Ältester Mensch der Welt ist die Afroamerikanerin Gertrude Baines. Die 115-Jährige wohnt bei Los Angeles.

Die Frage nach seinem Rezept für sein hohes Alter beantwortete Allingham einst augenzwinkernd so: «Zigaretten, Whisky und wilde, wilde Frauen.» In einem ernsteren Augenblick meinte er allerdings: «Man muss auf sich achtgeben und seine Grenzen kennen.»

Krieg hinterließ tiefe Wunden

Allingham war einer der letzten noch lebenden Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg und Gründungsmitglied der Royal Air Force im Jahr 1918. Noch im vergangenen November hatte er an den Feierlichkeiten zum 90. Jahrestag des Endes vom Ersten Weltkrieg teilgenommen.

Die Zeit konnte jedoch die Erinnerungen an die blutigen Schlachten nicht auslöschen: «Ich sah so viele Sachen, die ich gerne vergessen würde, aber ich werde sie nie vergessen, ich kann sie nie vergessen», sagte er einst. «Kriege sind dumm. Niemand gewinnt. Man kann genau so gut vorher miteinander reden, denn letzten Endes muss man sowieso miteinander reden».

Treffen der Kriegsveteranen

Allingham hatte den Ersten Weltkrieg nur mit Glück überlebt, als in der Skagerrak-Schlacht eine deutsche Granate ein Schiff, auf dem er diente, knapp verfehlte. Die Besatzungszeit hatte ihn nach Kriegsende kurz nach Köln geführt, doch erst gut 85 Jahre später kehrte er nach Deutschland zurück und traf im Ruhrgebiet den 109 Jahre alten deutschen Veteranen Robert Meier, der wenige Monate später in Witten starb. Bei ihrem Treffen erhoben sich die ehemaligen Feinde aus ihren Rollstühlen und umarmten sich.

Dass sie beide bei der blutigen Schlacht an der Somme in Frankreich dabei waren, erfuhren sie mit Hilfe von Übersetzern. «Es ist jetzt zu spät für mich, noch Deutsch zu lernen», meinte Allingham damals schmunzelnd. Im Zweiten Weltkrieg waren dann seine Ingenieursfähigkeiten beim Entschärfen deutscher Seeminen gefragt. Nach dem Krieg arbeitete er in der Automobilindustrie, bis er sich 1961 zur Ruhe setzte.

Ereignisreiches Leben

Obwohl seine Frau schon 1970 starb, meisterte Allingham seinen Alltag noch mehr als 35 Jahre. Erst als er immer schlechter sehen konnte, gingt er 2006 in ein Pflegeheim für erblindete ehemalige Soldaten bei Brighton. «Bis zuletzt war er noch recht aktiv», sagte Heimleiter Robert Leader.

Und vieles, was die meisten Menschen nur aus Geschichtsbüchern kennen, hat Allingham selbst erlebt. Als Kind trauerte er 1901 um die britische Königin Victoria. Er war erschüttert, als 1912 die Titanic sank. Als junger Mann kämpfte er im Ersten Weltkrieg und hörte gegen Ende des Zweiten Weltkriegs vom Abwurf der ersten Atombombe. Dann las er vom Kennedy-Attentat, erlebte die erste Fußball-Weltmeisterschaft für England, die Mondlandung, den Erstflug der Concorde, den Tod von Elvis Presley. Er sah den Zusammenbruch des Kommunismus, den Fall der Berliner Mauer, erlebte den Aufbruch in das Internetzeitalter, die Terroranschläge vom 11. September 2001 und den Einzug des ersten schwarzen Präsidenten in das Weiße Haus.

Gibt es ein Erfolgsrezept fürs Altwerden?

Von den sechs britischen Monarchen seines Lebens saß die derzeitige Königin Elizabeth II. am längsten auf dem Thron. Die Queen, die Allingham im Jahr 2003 erstmals traf, zeigte sich vom Tod ihres ältesten Untertanen betrübt. «Er gehörte zu der Generation, die so viele Opfer für uns gebracht hat.»

Viele Menschen erreichen ein gesegnetes Alter von 100 und mehr Jahren. Der biblische Urvater Methusalem soll es sogar auf 696 gebracht haben. Wer ihm nacheifern möchte, kann auf kein allgemeingültiges Erfolgsrezept hoffen. Der «Club der Hundertjährigen» gibt unterschiedliche Empfehlungen: Setzten die einen auf Enthaltsamkeit, haben andere ihr Leben in vollen Zügen genossen.

122 Jahre trotz Nikotinsucht

Jeanne Louise Calment hatte es bei ihrem Tod 1997 auf 122 Lebensjahre gebracht - bis dahin mehr als jeder andere Mensch. Die Französin tat nach eigenen Worten nichts Besonderes, um ihr Leben zu verlängern. Sie setzte aber auf den reichlichen Genuss von Olivenöl, Knoblauch und Portwein. Die leidenschaftliche Raucherin versuchte erst mit 117 Jahren auf Glimmstängel zu verzichten, allerdings erfolglos: ein Jahr später paffte sie wieder.

Sein Vorgänger als «Rekordhalter» kam aus Japan und war bei seinem Tod im Juni ebenfalls 113 Jahre alt. Tomoji Tanabe glaubte an Askese als Erfolgsmittel: Er verkniff sich Alkohol und Zigaretten, trank täglich ein Glas Milch und stand jeden Morgen um halb sechs auf.

Ein Leben lang ohne Alkohol und Kaffee

Auch die im Januar mit 115 Jahren als ältester Mensch der Welt gestorbene Portugiesin Maria de Jesus setzte auf Enthaltsamkeit: Alkohol und Kaffee waren für sie ein Leben lang tabu. Bis ins hohe Alter forderte die Analphabetin noch ihren Geist: nach ihrem 100. Geburtstag begann sie Lesen und Schreiben zu lernen.

Emiliano Mercado Del Toro - im Januar 2007 mit 115 gestorben - glaubte an die verjüngende Wirkung des Tanzes. Der tanzbegeisterte Puerto Ricaner glaubte, er sei so alt geworden, weil er sich besonders in der Jugend viel bewegt habe. Außerdem habe er das Rauchen aufgegeben - mit 90.

«Ich habe Angst, dass sie vor mir geht»

Der im Dezember 2007 gestorbene Ukrainer Grigori Nestor soll nach unbestätigten Angaben 116 Jahre alt geworden sein. Der Schäfer schwor auf die belebende Wirkung des weiblichen Geschlechts: er sei immer ein «Schürzenjäger» gewesen. Steinalt sei er aber nur geworden, weil er nie heiratete und sich «nicht den nervlichen Belastungen des Familienlebens ausgesetzt» habe.

Johannes Heesters ist mit 105 Jahren der älteste aktive Schauspieler Welt. Sein Geheimnis eines hohen Alters ist: «Disziplin, gesundes Leben und die positive Einstellung, dass ich mich als glücklichen Menschen sehe, auch wenn ich mich manchmal etwa einsam fühle». Seit 1992 ist «Jopie» mit der 45 Jahre jüngeren Simone Rethel verheiratet und sorgt sich: «Ich habe Angst, dass sie vor mir geht»

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