Adel verpflichtet immer noch

„Adel ist eine Verpflichtung, das von vielen Menschen immer noch entgegen gebrachte Vertrauen zu rechtfertigen“ - Hubertus Graf von Bothmer
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„Adel ist eine Verpflichtung, das von vielen Menschen immer noch entgegen gebrachte Vertrauen zu rechtfertigen“ - Hubertus Graf von Bothmer

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09. Dezember 2010, 06:53 Uhr

Schwerin | Die Linkspartei wettert, CDU und FDP wollten "Bauernland wieder in Junkerland" geben. Die SPD schimpft über angebliche "Politik nach Gutsherrenart". Die Liberalen kontern, es gehe um die "moralische Wiedergutmachung" für das Unrecht, das früheren Grundbesitzern durch die Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone zwischen 1945 und 1949 widerfahren sei. Die schwarz-gelbe Koalition in Berlin will es deshalb den Alteigentümern leichter machen, in den neuen Bundesländern ein Stück Ackerland zu erwerben. Auch zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung hat sich die meist emotionale Debatte um die Folgen der Enteignungen nicht beruhigt, zu tief sind offenbar noch immer die ideologischen Gräben zwischen "Verteufelung und Rechtfertigung der Bodenreform", glaubt der Rostocker Geschichts-Professor Ernst Münch.

Wer sich zu weit nach vorn wage, begebe sich auf "vermintes Gelände".

Plessen, Moltke, Maltzahn, Bülow oder Blücher. Ihre Schlösser und Herrenhäuser zeugen noch heute von ihrer einstigen Herrschaft in Mecklenburg. Gleichwohl werden Adel, Gutsherren, Junker, Ritterschaft, Alteigentümer gern ohne Unterschied in einen Topf geworfen. Dabei mahnen die Historiker. "Man muss von pauschalen Urteilen über den Adel Abstand nehmen", sagt zum Beispiel Mario Niemann von der Universität Rostock. Zur Bodenreform hat er sich ein Bild gemacht.

1918 verlor der Adel seine Privilegien

Großgrundbesitzer seien pauschal als Nazis oder zumindest deren Steigbügelhalter stigmatisiert worden, zudem als faul und unsozial.

"Die Begründung war nicht stichhaltig.", so Niemann. 1918 hatte der Adel offiziell seine Privilegien verloren. Dennoch blieb er zumeist monarchistisch gesinnt und stand der Weimarer Republik feindlich gegenüber. Jeder vierte adlige Großgrundbesitzer war Mitglied der NSDAP. "Das kann man nicht kleinreden, auch wenn 70 Prozent der Lehrer in der Partei waren." Andreas von Bernstorff habe gejubelt: "Endlich ist die nationale Front da. Es ist herrlich." Aber die Mehrheit des Landadels in Mecklenburg blieb auf Distanz. Die Agrarpolitik der Nazis, so Niemann,, war ihnen zu widersprüchlich, sie drohten mit einer Bodenreform. Auch die Kirchenpolitik der Nazis gefiel ihnen nicht.

Nicht zuletzt hatten die einst Blaublütigen Standesdünkel gegenüber den rechtsradikalen Kleinbürgern. Was folgt aus diesen Erkenntnissen für die aktuelle Politik? Niemann: "Dazu sage ich nichts. Ich bin Wissenschaftler."

Den Landadel nicht unterschätzen

Auch für die Zeit vor dem Dritten Reich rät Andreas Röpcke von vorschnellen Urteilen über den Adel ab. "Er ist als die gestaltende Kraft, die über Jahrhunderte das Land geprägt hat, noch lange nicht erforscht." Laut Ernst Münch ist gerade "die Bedeutung des Landadels kaum zu unterschätzen". Eine Tagung der Stiftung Mecklenburg und der Historischen Kommission des Landes versuchte vor kurzem in Schwerin zumindest ein wenig mehr Licht ins Dunkel zu bringen.

Charakter war wichtiger als Qualifikation

24 Familien hat Historiker Münch als Kerngruppe des Adels im 16. Jahrhundert ausgemacht. Die von Bassewitz, Flotow, Moltke, Plessen und Maltzan gehören dazu. Im 18. Jahrhundert sicherten sie sich gegenüber den Herzögen eine starke Stellung, die Mecklenburg bis zur Revolution 1918 als politisch rückständig erscheinen ließ. Im 19. Jahrhundert dominierten sie das Land keineswegs mehr allein. Etwa die Hälfte der 700 Rittergutbesitzer war bereits bürgerlich, hatte die Ländereien vom verarmten Adel aufgekauft. Von einem monolithischen politischen Block konnte keine Rede mehr sein. Wer ein Gut besaß, hatte Stimmrecht im Landtag, der jährlich in Sternberg oder Malchin tagte. Dort gab gleichwohl der Adel den Ton an, so der Schweriner Historiker Bernd Kasten. Die Landtags-Debatten duldeten keine rhetorischen Höhenflüge.

Kasten: "Es war eine eher dröge, norddeutsche Versammlung." Karriere machte, wer in und für die Ritterschaft arbeitete, nicht für den Herzog. "Der Charakter war wichtiger als Qualifikation. Man musste unter der Ritterschaft populär sein", so Kasten. Einige Ämter wurden auf Lebenszeit vergeben, so dass mancher Landrat senil und gebrechlich war. Politisch erzkonservativ wirtschaften viele Gutsbesitzer gleichwohl mit den mondernsten Maschinen.

Im Ansehen der Öffentlichkeit war "der Junker" um 1900 auch in Mecklenburg zur Spottfigur heruntergekommen, berichtete Kastens Kollege Wolf Karge. In satirischen Blättern wie "Der wahre Jacob" und dem "Simplicissimus" aber auch in der "Rostocker Zeitung" wurde er als dünkelhaft, eitel, überheblich, konservativ und reaktionär dargestellt.

Das Monokel im Auge wurde zum Sinnbild des "eitlen Schmarotzers". Andererseits diente der Adel weiterhin vielen Bürgerlichen als erstrebenswertes Vorbild.

Anders als in England oder Frankreich verpasste der 1918 entmachtete Adel offenbar in Mecklenburg den Sprung in die Moderne. Statt sich den wirtschaftlichen Herausforderungen der industrialisierten Welt zu stellen, zog er sich aufs Land zurück und versuchte seine "heile Welt" zu konservieren - was manchen Gutsbesitzern im Kleinen auch gelang.

Erst die Bodenreform im Herbst 1945 brach mit jahrhunderte alten Traditionen, so Historiker Niemann. "Sie war wesentlich einschneidender als die Revolution 1918." Der Adel sei Geschichte, seit 1990 werde lediglich "hier und da an die Tradition angeknüpft".

Was aber bedeutet Adel heute? Hubertus Graf von Bothmer meint, Adel sei immer noch "eine Verpflichtung, das von vielen Menschen immer noch entgegen gebrachte Vertrauen zu rechtfertigen". Und zwar "durch ein gewisses Maß an Anstand, durch Beteiligung an öffentlichen Dingen, indem man Verantwortung übernimmt".

Die Pflicht Vorbild zu sein

Christian von Plessen hat unterdessen versucht, an alte Traditionen anzuknüpfen. Die mecklenburgischen Wurzeln seiner Familie lassen sich ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Vor knapp 20 Jahren hat er in der Nähe von Schwerin Land gekauft, das inzwischen sein Sohn bewirtschaftet. Den durch die Bodenreform enteigneten Besitz seines Vaters hat er nicht zurückbekommen. "Er ist am Tag nach der Bodenreform von den Sowjets entnazifiziert worden. Vertrieben wurden wir von den Deutschen." Mecklenburg bedeutet für ihn Heimat. "Wir identifizieren uns mit dem Land. Es sind die Bezüge, die das Leben ausmachen." Auch für von Plessen ist Adel auch heute noch eine Verpflichtung. Wer aufgrund seines Elternhauses eine gute Ausbildung genossen habe, habe "verdammt noch mal die bürgerliche Pflicht, Vorbild zu sein, sich am Riemen zu reißen, auch für sein Land Verantwortung zu übernehmen."

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