zur Navigation springen
Neue Artikel

24. November 2017 | 10:36 Uhr

Abschied nach nur 598 Tagen

vom

svz.de von
erstellt am 17.Feb.2012 | 09:59 Uhr

Christian Wulff tritt ab. Und wirkt fast erleichtert, als er an der Seite seiner Frau Bettina den „Großen Saal“ hier im ersten Stock von Schloss Bellevue verlässt. Gestern, 11.07 Uhr: Die hohen weißen Flügeltüren werden hinter den Wulffs geschlossen. Rücktritt nach nur 598 Tagen im Amt. Deutschlands oberster Repräsentant hat aufgegeben.

Die Entwicklung der vergangenen Tage habe seine Wirkungsmöglichkeiten „nachhaltig beeinträchtigt“. Es sei ihm nicht mehr möglich, „das Amt des Bundespräsidenten nach innen und außen so wahrzunehmen, wie es notwendig ist “, begründet er seinen Entschluss. Die Bundesrepublik brauche einen Präsidenten, der sich den nationalen, aber auch den gewaltigen internationalen Herausforderungen widmen könne. Er trete zurück, „um den Weg zügig für die Nachfolge freizumachen“, liest er seine Rücktrittserklärung Wort für Wort vom Blatt ab.


Sonst finden hier Feste und Empfänge statt. Heute wird der Saal zum Schauplatz des zweiten Präsidenten-Rücktritts innerhalb von nicht einmal zwei Jahren. Die Stimme ruhig, der Blick fest – keine sichtbaren Zeichen von Anspannung, als er die Konsequenzen aus der Affäre um seinen Privatkredit, Vergünstigungen und Schnäppchen-Urlaube bei Unternehmerfreunden zieht. Rückzug, nachdem Wulff wochenlang ums politische Überleben gekämpft hatte. Vergeblich, wie sich jetzt zeigt.


Ausnahmezustand im politischen Berlin. Vor Schloss Bellevue parken Dutzende TV-Übertragungswagen. An der Pforte drängeln sich die Reporter. Blitzgewitter, als Wulffs ans blaue Pult mit dem goldenen Bundesadler tritt. Dramatik, aber auch Erleichterung, Respekt und den ganzen Tag über immer neue Spekulationen: Krisensitzungen am laufenden Band, Telekonferenzen in den Führungen der Koalitionsparteien. Kanzlerin Angela Merkel sagt am Vormittag eine Italien-Reise ab. Der Rücktritt des Präsidenten – deswegen tritt das Dauerthema Euro-Rettung vorübergehend in den Hintergrund. Der Druck auf den Präsidenten sei einfach zu groß geworden, heißt es in den Reihen von Union und FDP. Am späten Donnerstagnachmittag habe Wulff erfahren, dass die Staatsanwaltschaft Hannover gegen ihn ermitteln wolle. Und danach sei er erst einmal abgetaucht gewesen, nicht erreichbar selbst für langjährige Weggefährten. Spätestens am Abend müsse ihm klar gewesen sein, dass es so nicht mehr weitergehe, heißt es in Koalitionskreisen.


Gerade erst hat Wulff seinen Rücktritt erklärt, da tritt Kanzlerin Angela Merkel auch schon vor die Kameras. „Mit größtem Respekt – und ganz persönlich – auch mit größtem Bedauern“ habe sie die Entscheidung zur Kenntnis genommen. Ein Dank zum Abschied: Die Wulffs hätten Deutschland im In- und Ausland würdig vertreten. Mit seinem Rücktritt stelle Wulff „nun seine Überzeugung, rechtlich korrekt gehandelt zu haben, hinter das Amt zurück“, lobt Merkel. Doch ist der Rückzug des Präsidenten eine schwere Niederlage für die Kanzlerin – vor einer Woche hatte sie Wulff noch ihr volles Vertrauen ausgesprochen. Er habe sich dem Amt „mit ganzer Kraft“ gewidmet, hatte Wulff am Morgen gesagt. Er spricht vom „Herzensanliegen“, den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu stärken und seinem Einsatz für „die Integration nach innen“. Kerzengerade steht seine Frau Bettina neben ihm, während ihr Mann seinen Rücktritt verkündet, nicht zerknirscht, sondern selbstbewusst. Ihr Mann lobt sie für ihre Verdienste als „First Lady“, „als überzeugende Repräsentantin eines menschlichen und modernen Deutschlands“.


Den Kampf ums Amt gibt Wulff in diesem Moment zwar auf, nicht aber den um seine Ehre. „Ich habe mich in meinen Ämtern stets korrekt verhalten“, will er den Rücktritt nicht als Schuldeingeständnis verstanden wissen. Aufrichtig sei er immer gewesen, und räumt doch ein, Fehler gemacht zu haben. „Was die anstehende rechtliche Klärung angeht, bin ich davon überzeugt, dass sie zu einer vollständigen Entlastung führen wird“, versichert Wulff und setzt dann doch noch an zur Medienschelte: „Die Berichterstattungen, die wir in den vergangenen zwei Monaten erlebt haben, haben meine Frau und mich verletzt.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen