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21. November 2017 | 18:44 Uhr

Abschied mit Pauken und Tröten

vom

svz.de von
erstellt am 08.Mär.2012 | 08:19 Uhr

Berlin | Am Ende das Gebet. Die Soldaten nehmen die Helme ab. Christian Wulff senkt den Kopf, faltet die Hände. Andächtig lauschen die Gäste den letzten Klängen des Stabsmusikkorps. Pauken, Trompeten, Trommelwirbel und Fackelschein. Und schließlich zum Schluss die Nationalhymne. Abmarsch der Soldaten. Ende einer Dienstzeit, letzter Akt in Bellevue.

Doch nach endgültigem Abschied klingt das nicht an diesem Abend: "Meine Frau und ich werden uns weiterhin engagiert für unser Land und seine Menschen einsetzen", sagt Christian Wulff am Ende seiner letzten Rede im Schloss Bellevue. "Ich gehe mit dem Gefühl der Neugier und der Vorfreude auf das, was kommt", erklärt er. Eigentlich habe er mit diesem Anlass, dem Großen Zapfenstreich, erst für das Jahr 2015 gerechnet, gesteht der gescheiterte Bundespräsident. Doch nach nicht einmal 20 Monaten ist es schon vorbei. "Nun ist es anders gekommen", sagt Wulff beim Empfang vor dem Zapfenstreich für die Gäste, die nicht abgesagt haben.

"Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt", zitiert Wulff seinen niedersächsischen Landsmann Wilhelm Busch und sorgt für ein Schmunzeln in den Gesichtern. Noch einmal Dank, ein kurzer Blick zurück und kaum Selbstkritik. "Ich empfinde heute Bedauern, aber vor allem Dankbarkeit und Zuversicht", erklärt der Expräsident. Die Kanzlerin ist da und der Großteil des Kabinetts ist gekommen.

Draußen im Park ist schon alles bereit für den feierlichen Abschied. Das Wachbataillon des Verteidigungsministeriums ist angetreten, die Flammen der Fackeln spiegeln sich in den Instrumenten der Musiker des Stabsmusikkorps. Deutschlandfahne und Europaflagge wehen im Wind. Die Schlossfassade erstrahlt am Abend im warmen Scheinwerferlicht.

"Ich danke meiner Frau Bettina, die unser Land auf großartige Weise überzeugend repräsentiert hat", wendet sich Wulff an Gattin Bettina und zieht Bilanz. "Ich hoffe, dazu beigetragen zu haben, dass ein Nachdenken über unser deutsches Wir entsteht. Wir haben eine gemeinsame Zukunft, und die liegt in den Köpfen und Herzen der Menschen, die hier leben", sagt der Ex-Präsident. Dank auch für den Großen Zapfenstreich, der ihm Gelegenheit gebe, sich von den Soldatinnen und Soldaten zu verabschieden und die enge Verbundenheit mit ihnen zu zeigen. "Sie alle leisten einen großartigen Dienst, auf den unser Land zu Recht stolz ist", so das ehemalige Staatsoberhaupt.

Bei der Filmmusik "Somewhere over the Rainbow" kämpft Wulff dann auf dem Roten Teppich mit den Tränen, muss schlucken, wirkt bewegt. Gerührt verfolgen seine Frau Bettina (mit neuer Kurzhaarfrisur) und Tochter Annalena auf der Ehrentribüne neben Bundeskanzlerin Merkel das Zeremoniell.

Doch auch der letzte Akt bleibt nicht frei von Misstönen: Lautstarker Protest draußen an den Absperrungen im Tiergarten. Hunderte Demonstranten mit Trillerpfeifen und Vuvuzelas waren gekommen und einem Aufruf im Internet gefolgt. Reihenweise Absagen der Ehrengäste gab es Keiner der Ex-Präsidenten ist gekommen. Der Präsident des höchsten deutschen Gerichts, Andreas Voßkuhle, soll sein Fernbleiben mit dem noch laufenden Ermittlungsverfahren gegen Wulff wegen des Verdachts auf Vorteilsnahme begründet haben. Auch die Spitzen der Opposition fehlen. Die Vorsitzenden der Bundestagfraktionen waren erst gar nicht eingeladen worden. Bis zuletzt hielt die Kritik an dem Großen Zapfenstreich an. Und die Debatte über den Ehrensold von 199 000 Euro, der Wulff nach seinem Ausscheiden zusteht und die Ausstattung für Repräsentationspflichten.

Misstöne auch am Rande beim Stabsmusikkorps der Bundeswehr: Wulff habe sich bei der Musikauswahl nicht entscheiden können, habe kurzfristig auf Änderungen bestanden. "Over the Rainbow" statt "Ebony and Ivory", Hin und Her, eilig angefertigte Neuarrangements müssen wieder verworfen werden. Und erst zu Wochenbeginn habe er von den Musikwünschen erfahren, klagte Oberstleutnant Volker Wörrlein, der Dirigent des Korps.

Drei Wochen nach dem Rücktritt ist für Christian Wulff damit die Zeit in Schloss Bellevue jetzt endgültig vorbei. Nach einer Umfrage erwarten drei Viertel der Bundesbürger (73 Prozent), dass Wulff für immer der Politik fern bleibt. Nur 15 Prozent halten ein Comeback für möglich. 44 Prozent sehen das Amt des Bundespräsidenten durch die Affäre Wulff dauerhaft beschädigt, 47 Prozent glauben nicht an bleibenden Schaden. So treibt nun viele auch die Frage um, was Wulff denn mit dem Rest seines Berufslebens anfangen will. Freunde in der Politik hat er nur wenige. Der frühere SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel empfahl ihm "gemeinnützige Arbeit".

Und der Nachfolger? Fast 80 Prozent wünschen sich eine Direktwahl des Bundespräsidenten durch das Volk.

Der nächste Bundespräsident wird nun voraussichtlich 20 Jahre älter sein - Debatten über jahrzehntelange Pensionsansprüche erübrigen sich.

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