Interview : „Abends heißt es dann: Wieder zurück in die Zelle“

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13. März 2014, 20:01 Uhr

Mit dem Düsseldorfer Strafrechtsprofessor Jürgen Wessing sprach Andreas Herholz über das Hoeneß-Urteil.
Drei Jahre und sechs Monate Haft für Bayern-Präsident – ein angemessenes Urteil?
Wessing: Das ist bei Münchener Justiz-Verhältnissen ein ausgezeichnetes Ergebnis. Das Gericht hat die Frage, ob es eine wirksame Selbstanzeige war, mit Nein beantwortet. Es stellte sich nur noch die Frage nach der angemessenen Sanktion. Bei einer Steuerhinterziehung von 28,5 Millionen Euro sind dreieinhalb Jahre Haft für dieses Gericht ausgesprochen am unteren Rahmen.
Welche Chancen geben Sie der Revision?
Bei der Revision geht es um Rechts- und Verfahrensfehler. Die sehe nicht. Statistisch betrachtet haben Revisionen eine Erfolgschance von 3,8 Prozent.
Aber die gesamten dreieinhalb Jahre wird Uli Hoeneß wohl nicht absitzen müssen, oder?
Auch wenn die Revision nicht erfolgreich wäre, so führt sie auf jeden Fall dazu, dass Herr Hoeneß seine Haftstrafe erst später antreten muss. Die Entscheidung des Bundesgerichtshofes wird aber möglicherweise noch in diesem Jahr fallen. Ich gehe davon aus, dass er in den offenen Vollzug gehen wird. Das ist mit Einschränkung der Bewegungsfreiheit und der Berufsfreiheit verbunden. Abends heißt es dann: Wieder zurück in die Zelle auf die ungeliebte harte Pritsche.
Er galt als der Prozess des Jahres. Drohte bei dem Spektakel nicht der Kern des Verfahrens in den Hintergrund zu geraten?
Der Prozess war vor allem so spektakulär, weil es mit Uli Hoeneß einen spektakulären Angeklagten gab. Von der Thematik her ist dieses Verfahren sehr schlicht. Es ging vor allem um die Frage, war die Selbstanzeige wirksam und damit strafbefreiend oder nicht. Dies ist nach ein paar relativ einfachen Regeln zu beurteilen.
Der Richter war in einer schwierigen Lage: Urteilt er milde, wird ihm vorgeworfen, einen Prominenten zu schonen. Fällt er ein hartes Urteil, muss er sich Kritik gefallen lassen, ein Exempel statuiert zu haben.
Ganz gleich wie das Urteil ausgefallen wäre: Der Richter kriegt in diesem Fall immer Haue. Am einfachsten wäre es für den Richter gewesen, wenn er zu dem Schluss gekommen wäre, dass die Selbstanzeige wirksam war. Das hätte Freispruch bedeutet. Die Bandbreite des Strafmaßes war sehr groß. Der Richter war in einer schwierigen Situation. Schließlich spielen Herr Hoeneß und der FC Bayern in München eine ganz besondere Rolle. Manch einer hält Hoeneß dort immer noch für die nächstwichtige Person neben dem lieben Gott.


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